Himmlischer Stallgeruch

Der Männergesangverein "Max Reger" hatte zu einem beeindruckenden vorweihnachtlichen Konzert eingeladen. Bilder: gis (3)
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21.12.2016
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Walter Reischer ist ein gefragter Organist. Annemarie Küstner (Querflöte) hatte wunderbare Stücke von Telemann ausgewählt.

Es war keine "rührselige" Feierstunde, die von einer heilen Welt erzählt, von einem putzigen Jesulein auf Heu und auf Stroh. Dem vorweihnachtlichen Konzert des Männergesangverein "Max Reger" in der Pfarrkirche haftete eher ein Hauch von Stallgeruch an, der sich aber immer wieder in Wohlgefallen auflöst, in Freude und Hoffnung.

Selbstverständlich bezieht er sich nicht auf die wie immer exzellenten, je nach Vortrag stimmkräftigen, stimmigen und homogenen musikalischen Leistungen des örtlichen Männerchors unter der Leitung von Bertram Nold und der Gäste des Gesangvereins. Es geht hier vielmehr um die von Gabriele Sieder und Hans-Helmut Schindler vorgetragenen aussagekräftigen Worte und um die Wahl des sich ganz bewusst in die Texte eingliedernden Liedguts.

Begleitet von leisem Orgelspiel zogen die Sänger in den Altarraum, zelebrierten zur Einstimmung auf die Feierstunde ein sehr gefühlvolles und sehr stimmiges "Noch lag die Schöpfung formlos da", dem "Maria durch den Dornwald ging" folgte, das, wie vor über 2000 Jahren, gerade auch in die heutige Zeit passt:

Auch Marietta und Jusuff sind nämlich unterwegs, geflüchtet vor Assads Bomben. Marietta im fünften Monat schwanger. In Aleppo konnten sie nicht bleiben. So machten sie sich auf in eine bessere Welt und klopfen nun an unsere Türen ...

Nach einem innigen "Ich bete an die Macht der Liebe und dem "Gebet der Schiffer", die "Gottes unendliche Liebe" erfahrbar machen, dann die provokative Frage, ob "Profit, Machtgier und Gewalt dich etwas angehen? Und der gute Rat: "Träume lieber am Abend mit Freunden deinen Traum." Und der musikalische Kommentar: Der Traum vom neuen "Jerusalem", ohne Mauern, denn deren Steine sind zu Brücken geworden, die die Menschen zusammenführen; stimmgewaltig, voluminös und wohlüberlegt dynamisch ausgearbeitet interpretiert.

Advent 1943! Dietrich Bonhoeffer ist seit fast elf Monaten mit der gerade 19-jährigen Maria von Wedemeyer verlobt. Seit acht Monaten sitzt er im Gefängnis in Berlin-Tegel. Das Paar darf sich nur selten sehen und so schreiben sie sich, so oft es geht. Aus der Gefängnispost spricht tiefe Liebe und unfassbares Gottvertrauen. Zwei Jahre später wurde Bonhoeffer im KZ Flossenbürg hingerichtet. Seine Brautbriefe aus "Zelle 92" haben ihn überdauert. "Selig sind, die Verfolgung leiden, denn ihrer ist das Himmelreich", stellte der Chor dem grausamen Tod des berühmten Theologen gegenüber. Erlösung ist nah, denn "Jesus Christ is born"; der Erlöser der Welt, der alle Tränen trocknet und unter dem neu wird.

Welch ein Morgen! "My Lord, what a morging" (Solist Rudi Ernstberger) ließen die knapp 20 Sänger dazu in einem zarten Pianissimo erklingen. Und es ist noch nicht zu spät! "Menschen, die ihr ward verloren, freuet euch!" ging den Männern im Wechselgesang mit Solist Lothar Zaus locker über die Lippen. Das "Wolgalied" (Solist Gerald Plannerer) als innige Bitte leitete über zum Kern der Adventszeit, zur Vorfreude, die in den beiden Sätzen "Lasst die roten Kerzen brennen" und "Friedensglocken" zum Ausdruck kam, um schließlich die "Heilige Nacht" in einer Hymne als Fluchtpunkt des Geschehens zu beschreiben. Und dann wurde es doch noch ein wenig rührselig. Tradition verpflichtet und auch seine 31. vorweihnachtliche Feierstunde ließ der MGV ohne das gefühlvoll-heimelige "Weihnachten, Weihnachten bin ich zu Haus" nicht beenden.
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