04.05.2018 - 17:04 Uhr
BurglengenfeldOberpfalz

Rainer Dirnhofer restauriert VW Busse Wahre Bulli-Träume

Fahrer und Beifahrerin müssen sich anschreien oder anschweigen. Das Fahrzeug nähert sich schließlich bereits seiner Höchstgeschwindigkeit - zwischen 70 und 80. So bescheiden das Tempo für die heutige Zeit, so bescheiden ist auch die Ausstattung. Trotzdem: Rainer Dirnhofer strahlt übers ganze Gesicht.

von Irma Held Kontakt Profil

Der Inhaber einer ortsansässigen Spedition erfüllt Träume - nicht nur sich, auch anderen. Der Oldtimer-Liebhaber restauriert seit ein paar Jahren VW-Bullis, genau so wie die Kunden es wünschen. "Ich habe seit 20 Jahren Oldtimer, sonst würde ich das nicht machen", sagt der 50-Jährige. Farbe, Rundumkippfenster, Winkerblinker, chromblitzende Stoßstangen, Faltdach, Zierleisten - alles kein Problem, jederzeit machbar.

Die Oldtimer kauft seine Im- und Exportfirma - "ein Joint-Venture" - vornehmlich in Brasilien. Dort in Blumenau im Bundesstaat Santa Catarina geschieht die Hauptarbeit, bevor die Bullis sich auf eine mehrwöchige Schiffsreise nach Europa begeben. In Burglengenfeld sorgen zwei Facharbeiter für den sogenannten Feinschliff. Zur Werkstatt an der Dieselstraße gehört zusätzlich eine Lackiererei. Hier erfolgt auch die Abnahme der Fahrzeuge.

1500 bis 2000 Arbeitsstunden stecken in einem fahrbereit restaurierten Bulli. Die Nettopreise bewegen sich zwischen 50 000 bis 55 000 Euro. Je nach Kundenwünschen müssen zum Beispiel wegen einer besonderen Stereoanlage auch mal 70 000 Euro hingeblättert werden. Dirnhofers Augen glänzen, wenn er über Oldtimer und Restaurationen spricht und zeigt, was in seiner Halle steht. Er selbst besitzt mehrere Oldtimer, darunter einen Ferrari Testarossa, aber keinen Bulli. Den braucht er nicht, er darf sie sowieso fahren.

Ohne Probefahrten verlässt keiner den Hof. Erst vergangenen Samstag brachte er einen Samba - das Sondermodell unter anderem mit Faltdach - zu einem Kunden in die Gegend von Heilbronn. Der neue Eigentümer wollte sein Traumauto unbedingt zu einem Fest vorführen und plant, auch im Sommerurlaub damit ans Meer zu fahren. Der Kunde habe ihm erzählt, wie viele Mädchen ihn jetzt anlächeln würden. "Die lachen nicht ihn, sondern das Auto an", sagt Dirnhofer und ist so stolz auf diesen Bulli als säße er selbst am Steuer dieses sympathischen Autos. Das ist für ihn das Adjektiv, das diese Oldtimer am treffendsten charakterisiert. "Bullis sind Kult." Für den Unternehmer sind seine "alten Babys" aber mehr als das, sie sind Kulturgut. Er gerät ins Schwärmen, von der Entschleunigung, dem Entdecken der Langsamkeit, dem Genuss, in einem Bulli über Land zu fahren.

"Man entscheidet sich für ein komplett anderes Leben," verspricht er. 12 bis 15 Monate dauert es aber, bis der Traum auf vier Rädern wahr wird. Die Restauration wird lückenlos dokumentiert, berichtet Dirnhofer, und der Kunde kann über Google drive verfolgen, wie "sein Auto wächst". Zehn Restaurationen, schätzt er, mehr seien im Jahr nicht zu schaffen. Als nächstes Projekt schwebt ihm ein Bar-Bus vor. Eine Brauerei habe schon mal angefragt. Gerne würde er einen Bus zum Camper umrüsten. Dirnhofer denkt nicht nur an Liegeflächen, sondern auch an ein Tischchen. Zunächst wird er jedoch vom 25. bis 27. Mai auf einer Oldtimermesse am Bodensee einen Teil seiner Schätze präsentieren.

Doch er ist zugleich Purist, setzt auf Originalität, auch die Bezeichnung Nostalgiker wäre nicht verkehrt. "Wenn du einen Samba hast, musst du es dir gut überlegen, ob du was änderst", lautet sein Credo. Der fast 60 Jahre alte Bulli mit 33 PS und dominanten Fahrgeräuschen ist zwar kein Samba, aber nahezu unverändert mit dem unverkennbaren "Käfersound" des Motors. Nur eine Warnblinkanlage, eine Scheibenwischerspritzanlage und Sicherheitsgurte sind nachgerüstet. Wer danach in ein modernes Auto steigt, wundert sich zunächst über die Stille, den Komfort und denkt doch mit Wohlwollen an den besonderen Charme des Bulli - eine ganz andere Form der Mobilität.

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Weitere Bilder und Infos im Internet:

www.onetz.de www.bullidreams.com

Das ist die Entdeckung der Langsamkeit.Rainer Dirnhofer

Bulli

Zur Entstehung des Spitznamens "Bulli" gibt es zwei Überlieferungen. Eine Version besagt, dass die Verbindung der ersten beiden Buchstaben von Bus und Lieferwagen zu dem Namen führte. Eine andere Version führt die Bezeichnung auf das Adjektiv "bullig" zurück, das angeblich VW-Mitarbeiter schon während der Entwicklung des T 1, so der offizielle Name des VW Busses, zur Beschreibung genutzt haben sollen. Bis 2007 durfte VW den Namen nicht offiziell verwenden, da die Namensrechte bei der Kässbohrer Geländefahrzeug AG lagen. Zum 60. Jubiläum der Baureihe verkaufte Kässbohrer die Rechte an VW. (ihl)

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