Bayerische Zeitungsverleger sind zuversichtlich
"Kein Zeitungssterben"

Bild: dpa
Augsburg. (dpa/lby) Die bayerischen Zeitungsverleger sind zuversichtlich, der digitalen Konkurrenz trotzen zu können. «Von einem Zeitungssterben in Bayern kann überhaupt keine Rede sein», sagte der Verbandsvorsitzende Andreas Scherer in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa. «Je unübersichtlicher die Welt, je verwirrender das Internet, desto wichtiger wird guter Journalismus.» Ein Thema bei der Jahrestagung des Verbands am Donnerstag in Augsburg: das neue Leistungsschutzrecht. Online-Anbieter wie Google müssen demnach eine Lizenzgebühr an Presseverlage zahlen, wenn sie deren Inhalte verwenden.

Wie sind die Erwartungen der bayerischen Zeitungen für 2013?

Scherer: «Im Vertrieb wird sich das laufende Jahr nach meiner Einschätzung nicht wesentlich von den Vorjahren unterscheiden. Der jährliche Auflagenrückgang in Bayern schwankt seit über zehn Jahren zwischen -0,4 Prozent und -1,7 Prozent; im letzten Jahr waren es -0,8 Prozent. Seit dem letzten Jahr gibt es aber eine sehr interessante Entwicklung: Die digitale Ausgabe der Zeitung, das E-Paper, erfreut sich inzwischen so großer Beliebtheit, dass die kostenpflichtigen Exemplare in die offizielle Auflagenzählung aufgenommen wurden. Hier ist für die Zeitungen ein echter Wachstumsmarkt.»

Können Sie Zahlen nennen?

Scherer: «Allein im 1. Quartal 2013 wurden in Deutschland 345 000 E-Paper verkauft, das entspricht gegenüber dem Vorjahresquartal eine Steigerung um über 90 Prozent. Bei den Apps für Tablets und Smartphones erwarten wir einen vergleichbaren Boom. Der Markt für Printausgaben erscheint also im Moment gesättigt, der Markt für digitale Produkte hat dagegen noch sehr großes Potenzial.»

Wie sieht es beim Anzeigengeschäft aus?

Scherer: «Das klassische Anzeigengeschäft wird auch in diesem Jahr
nicht wachsen; mit Glück werden die bayerischen Verlage in diesem Bereich eine schwarze Null erreichen. Aber auch hier ist der Markt im Umbruch: Stationäres und mobiles Internet sind heute fester Bestandteil im Marketing-Mix fast aller Mediaagenturen und Werbekunden. Die Werbung folgt nun mal den Augen. Je erfolgreicher unsere digitalen Produkte am Markt sind, desto interessanter werden sie für die Werbewirtschaft. Schon jetzt ist unsere Kombi-Reichweite aus Print, Online und Mobile sehr beachtlich: Wir erreichen so drei von vier Menschen in Bayern.»

Wie viele Zeitungen haben bereits eine Bezahlschranke für ihr
Online-Angebot und wie viele werden es in einem Jahr sein?


Scherer: «In ganz Deutschland bieten inzwischen 31 Verlage ihre Inhalte im Netz nicht mehr komplett unentgeltlich an. Dazu gehören auch bayerische Verlage, etwa die "Süddeutsche Zeitung", die Mediengruppe Oberfranken in Bamberg und die "Main-Post" in Würzburg. Andere Verlage stehen in den Startlöchern für Paid Content. In einem Jahr werden viele weitere bayerische Häuser ihre Online-Inhalte nicht länger verschenken, sondern verkaufen, wie das bei der Printausgabe seit jeher selbstverständlich ist. Die Gratismentalität für wertvolle Informationen kann nicht die Zukunft im Netz sein.»

Funktioniert denn die Werbefinanzierung im Internet?

Scherer: «Die Onlinewerbung auf den Zeitungsportalen ist für viele Verlage kaum kostendeckend. Anzeigenplätze lassen sich in der unendlichen Weite des Internets nicht hochpreisig verkaufen. Für exklusive Qualitätsinhalte aber sind die Leser gerne zu zahlen bereit. Und die sind ja auch unser Kernprodukt.»

Mit welchen anderen Geschäftsfeldern können die Zeitungen den
Rückgang im Kerngeschäft ausgleichen?


Scherer: «Viele Verlage haben längst andere Geschäftsfelder erschlossen: Sie betreiben Radio, Fernsehen, Druckzentren, Briefzustellung, Internet-Service und vieles mehr. Mit diesem Wandel vom Zeitungsverlag zum modernen Medienhaus sichern wir unsere Zukunft.»

Befürchten Sie ein Zeitungssterben in Bayern?

Scherer: «Von einem Zeitungssterben in Bayern kann überhaupt keine
Rede sein. Es wird zwar oft behauptet, dass das Angebot an konkurrierenden Zeitungen mit lokaler Information in Bayern rückläufig sei. Das stimmt aber nicht. Die Anzahl der Ausgaben ist seit 2004 unverändert - wir haben nach der jüngsten Zählung immer noch 249 verschiedene Titel und 22 Vollredaktionen.»

Werden sich denn in absehbarer Zeit weitere bayerische Zeitungen zu
größeren Verbünden zusammenschließen?


Scherer: «Natürlich kann es sein, dass gerade kleinere Verlage auch in Bayern enger kooperieren wollen, um Synergien zu bilden. Aber das ist nur vernünftig. Die Reform des Pressekartellrechts, die hoffentlich sehr bald auch im Bundesrat verabschiedet wird, soll ja auch genau das bewirken. Kooperationen oder auch Zusammenschlüsse von Verlagen bedeuten aber keine Schmälerung der Meinungsvielfalt. Entscheidend ist doch, dass es möglichst viele unabhängige Redaktionen, gibt, vor allem im lokalen Bereich. Und die haben wir zweifellos.»

Müssen sich die Verlage im Silicon Valley über die neuesten
Entwicklungen auf dem Laufenden halten, weil Technologie wichtiger wird als Content? Sind individuell zugeschnittene Digitalzeitungen, die das soziale Umfeld und die Nutzungshistorie des jeweiligen Lesers berücksichtigen, die Zukunft?


Scherer: «Wir produzieren Inhalte, keine Technik. Auch Tablets und Smartphones sind nur ein Vertriebsinstrument für unsere Inhalte. Die Menschen schätzen die Zeitung gerade als Wundertüte, als das Medium, in dem sie nicht nur finden, was sie suchen, sondern auch mit anderen interessanten Themen überrascht werden. Warten wir also ab, ob sich diese Form der personalisierten Zeitung durchsetzen wird.»

Sinkt denn generell die Nachfrage nach Nachrichten? Wird Journalismus unwichtiger und Unterhaltung bzw. Kommunikation immer wichtiger?

Scherer: «Nein. Im Gegenteil. Je unübersichtlicher die Welt, je verwirrender das Internet, desto wichtiger wird guter Journalismus. Nur er ordnet und bewertet die chaotische Informationsfülle von heute. Nur guter Journalismus ist zugleich Wegweiser und ein fester Anker in der modernen Informationsflut. Gegen Unterhaltung ist gar nichts einzuwenden. Der Mensch will unterhalten werden. Auch Journalisten wollen unterhaltsam sein und nicht langweilen. Aber sie wollen vor allem informieren. Und die Menschen wollen beides, unterhalten und informiert werden. Und zwar über die ganze Vielfalt der Medien. Und genau das bieten wir.»

Staatsminister Thomas Kreuzer hat das neue Leistungsschutzrecht als
Schritt in die richtige Richtung gelobt. Er fordert zugleich eine Solidarität der Verlage untereinander, damit nicht nur die großen Medienhäuser von Google entlohnt werden, kleinere aber leer ausgehen. Gibt es dazu bereits konkrete Pläne des VBZV?


Scherer: «Das Leistungsschutzrecht für Presseverlage ist in der Tat ein Schritt in die richtige Richtung und ein deutliches Signal, dass gerade das digitale Zeitalter ein faires Urheberrecht braucht. Wie die Verlage ihre Lizenzeinnahmen aufteilen werden, steht noch nicht fest. Der Gesetzgeber hat uns keine Verwertungsgesellschaft vorgeschrieben, wir sind also in der Gestaltung frei. Ich bin aber der Meinung, dass eine gemeinsame Rechteverwertung für alle Verlage das Beste wäre.»

Wie könnte das aussehen?

Scherer: «Ich kann mir eine privat organisierte VG Presse sehr gut vorstellen. Damit hätten wir ein faires und transparentes Abrechnungsmodell. Außerdem hätten wir gemeinsam gegenüber den großen Inhalteverwertern wie Google viel mehr Autorität und
Verhandlungsmacht. Gerade die kleinen und mittleren Verlage würden
davon profitieren.»
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