22.08.2011 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Bei Workshops mit Joss Turnbull im Kloster Speinshart entdecken Manager ihre kreativen Seiten: Trommeln gegen die Kopflastigkeit

Prof. Dr. Guido Schafmeister, nach eigener Einschätzung "völlig unmusikalisch", sah sich im Ensemblespiel all seiner kommunikativen Mittel beraubt, die da sind: Sprache, E-Mail, SMS. Trommelnd "auf elementare Dinge runtergebracht", fand er doch bald seinen Rhythmus. Und war nicht der einzige, der staunte, wie gut mit Hilfe der Musik Verständigung gelingt. Wie schnell sich Leute, die sich kaum kennen, aufeinander einspielen können, wenn sie nur bereit sind, genau hin- und einander zuzuhören.

Dem heiligen Norbert dürften die Ohren gedröhnt haben: Unter einem Porträt des Ordensgründers, das im Probenraum des Kirchenchores hängt, wurde es in der Prämonstratenserabtei Speinshart zeitweise richtig laut beim Trommelkurs unter Leitung von Joss Turnbull (Mitte). Den Teilnehmern aber hat es sichtlich Spaß gemacht, mit Hilfe von Cajónes (Bild) und anderen Percussionsinstrumenten ihren Teamgeist auszuloten. Bild: cd
von Autor CDProfil

"Rhythm. Percussion. Emotion." Der erste Workshop mit Joss Turnbull, Percussionist und Dozent an der Musikakademie Mannheim, hatte im Kloster Speinshart eine experimentierfreudige Runde zusammengeführt. Differenziertes Lernen für Manager war angesagt. Wobei der Begriff "Manager" weit gefasst war: vom Bankdirektor bis zur Rundfunk-Mitarbeiterin, von der Projektleiterin eines Energieversorgers bis zu einem jungen Amerikaner, der als Volontär im Bayreuther Kulturmanagement mitarbeitet, vom Münchner Uniprofessor für Medienmanagement bis zur Speinsharter Hausfrau, die sich als "Familien-Managerin" versteht.

"Komplexes Gesamtwerk"

"Sie alle sind heute Versuchskaninchen", bereitete Sissy Thammer die zwölf Probanden auf ein ungewöhnliches Projekt vor, mit dem sich am Feiertag "Mariä Himmelfahrt" auch das Festival Junger Künstler Bayreuth und das Kloster Speinshart auf Neuland wagten. "Die Musik ist wie das Management ein komplexes Gesamtwerk, das hohe Anforderungen stellt", erklärte die Festival-Leiterin. Nach ihren Worten geht es darum, die kognitive Management-Kompetenz mit Hilfe der Kunst um emotionale Kreativität zu ergänzen. Auch Guido Schafmeister, Teilnehmer und Mitorganisator des Workshops, befand: "Das Hochschulstudium ist rein verstandesorientiert. Die Sozialkompetenz kommt zu kurz."
Nun, auch der Medienwissenschaftler bekam im Laufe des Tages hinreichend Gelegenheit, im Ensemble gegen die eigene Kopflastigkeit anzutrommeln. Das brachte dem Vernehmen nach einige Patres später sogar um den Mittagsschlaf. Doch zunächst demonstrierte Joss Turnball bei der Vorstellung verschiedener Percussionsinstrumente (große Rahmentrommel, Tombak, Riqq und Kanjira), dass man ihnen auch leise, meditative, ja filigrane Klänge entlocken kann.

Die Workshop-Teilnehmer ermunterte er, improvisatorisch an die Instrumente heranzugehen, und lud sie ein: "Schauen wir mal, wo uns das hinführt." Als erstes von der Wieskapelle zur "Body Percussion" in den Kapitelsaal. Hier ging es zunächst darum, einen Puls zu fühlen und zu verinnerlichen. Koordinationsübungen zeigten: Es ist gar nicht so leicht, mit den Füßen unentwegt einen Viervierteltakt zu treten, jeden Schritt mit einer bestimmten Silbe zu begleiten, auf diesen Puls on- und/oder offbeat verschiedene Rhytmen zu klatschen, eigene Schläge hinzuzufügen und dabei auch noch das Tempo zu halten. Trotzdem kamen alle auch mit improvisierten Patterns bald ganz gut zurecht.

Hemmschwellen abbauen

Nach der Kaffeepause der nächste Ortswechsel und die nächste Herausforderung: Im Chorprobenraum warteten die Cajónes. Ihren Ursprung haben diese Instrumente in Peru, erläuterte Turnbull: Sklaven behalfen sich einst mit Transportkisten, nachdem man ihnen die Trommeln weggenommen hatte. Auf solche Kistentrommeln übertrugen die Teilnehmer nun den gemeinsam erarbeiteten Puls mit einer Hingabe, dass es im sonst so beschaulichen Kloster nur so dröhnte. Und wieder waren sie reihum aufgefordert, der Gruppe einen eigenen Rhythmus vorzugeben. Manch eine(r) musste da erst eine Hemmschwelle überwinden - um vielleicht danach an sich selbst eine ganz neue Seite zu entdecken.

Zuletzt öffnete der Dozent seine "Zauberkiste", gefüllt mit Kleinpercussion unterschiedlichster Art: Schleifpapier und Keksdose, Tamburin, Daumenklavier, Klangschalen, Schellen und Rasseln, Holzlöffel, Schlegel und Shaker, Ocean-Drum und andere Rahmentrommeln. Jeder konnte sich ein Instrument aussuchen und ohne Vorgabe loslegen. Nach chaotischer Anfangsphase stellte sich scheinbar wie von selbst wieder einen Gleichklang ein. Unauffällig hatte Turnball vorgemacht, wie man dem Ensemble eine Richtung vorgibt, ohne den einzelnen Mitspieler allzu sehr einzuschränken.
Jeder in der Runde war eingeladen, die eigenen Führungsqualitäten auszuloten. Das hieß, die Aufmerksamkeit der Gruppe nicht verlieren, auch leisen Tönen Gehör verschaffen und Mitspieler, die aus der Reihe tanzen wollen, wieder ins Ensemble zurückholen - alles ohne Worte. Auf beiden Seiten setzte das Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme und genaues Hinhören voraus, beim "Chef" außerdem eine klare Vision, wohin es überhaupt gehen soll. Alles Fähigkeiten, die auch im Business-Alltag nur von Vorteil sein können.

Mit 13 Teilnehmern wurde der Workshop am Freitag wiederholt. Darunter alle fünf Führungskräfte eines Hollfelder Unternehmens, für die es eine spannende Erfahrung war, sich auch einmal trommelnd als gut eingespieltes Team zu erleben.

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