12.03.2009 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Bürger-Anlage dreht sich schon seit 16 Jahren Windrad der ersten Stunde

Wenn der Wind über Ödwaldhausen pfeift, freuen sich die Freunde der Windkraft Wilhelm Krisch, Josef Solfrank, Franz Heinrich und Konrad Schedl (von links). Bild: Zeller
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Wenn es um Pioniere der Windkraftnutzung geht, führt der Weg am Landkreis Tirschenreuth nicht vorbei. Bei Ödwaldhausen, einer kleinen Streusiedlung in der Gemeinde Bärnau, steht das erste Gemeinschafts-Windrad der Oberpfalz. Die erste Kilowattstunde aus luftiger Höhe ging am 3. Februar 1993 ins Netz. Und das Windrad dreht sich immer noch: In 16 Betriebsjahren produzierte es gut eine Million Kilowattstunden Strom.

"Das reicht für 20 bis 25 Häuser", schätzt Wilhelm Krisch. Er ist der Mann der ersten Stunde, hat mit zwei Dutzend Mitstreitern dem Projekt den nicht gerade einfachen Weg geebnet. Das Windrad mit einer für heutige Verhältnisse bescheidenen Nabenhöhe von 32 Metern war damals auf modernstem Stand mit seinem 80-Kilowatt-Generator. Anfang der 1990er-Jahre war der Elektro- und Heizungsbaumeister noch in einer Knopffabrik Abteilungsleiter. Heute ist er selbstständig: Mit einem Stammpersonal von 15 Leuten baut Krisch in erster Linie Photovoltaikanlagen.

Effektive Energieform

"Eigentlich würde ich lieber mehr Windräder bauen, aber da lassen sie mich ja nicht", bemerkt Krisch trocken. Und spricht damit die ideologischen Diskussionen an, die seit Jahren zwischen Gegnern und Befürwortern der Windenergie das Klima vergiften. Argumente gegen die Windräder lässt Krisch schon aus globalen Gründen nicht gelten. "Mit Wind lässt sich am effektivsten Energie erzeugen", betont er. Darauf zu verzichten, könne man sich gar nicht leisten: "In diesem Winter sind Leute erfroren, weil die Russen den Gashahn zugedreht haben."

Windkraft sei in der Gesamtversorgung nicht das einzige, aber ein sehr wichtiges Kriterium. "Photovoltaik ist im Sommer gut, Windkraft im Winter - das ergänzt sich doch wunderbar." Und auch das vielgenannte Problem mit der Speicherung sei gar keins: "Wir haben ein Verbundnetz quer durch Europa. Irgendwo wird der Strom schon verbraucht." Angelehnt an den Standort haben die Stiftländer Privatbetreiber ihre Gesellschaft bürgerlichen Rechts "Ödwind" genannt.
Die erste GbR in der Oberpfalz, um alternative Energie voranzubringen: "Das war ja alles Neuland", blickt Krisch zurück. Von Anfang an dabei sind Magdalena und Franz Heinrich. Die beiden wohnen in Tirschenreuth und haben damals einen Anteil von 10 000 Mark übernommen. Inzwischen hat sich das Windrad durch die Einspeisevergütung von rund neun Cent pro Kilowattstunde amortisiert: "Nichts zum Reichwerden", betont das Lehrerehepaar. "Aber wir haben unser Geld in Portionen zurückgekriegt und einen bescheidenen Gewinn, den wir natürlich versteuern."

"Zeichen setzen"

Aus Überzeugung ging damals auch Konrad Schedl mit ans Werk. Der Mitgesellschafter aus Tirschenreuth, von Beruf Rechtspfleger am Amtsgericht, stellt sein wesentliches Ziel heraus: "Die komplette Energieversorgung soll im Lauf von Jahrzehnten auf regenerative Basis gestellt werden." Damals habe es Mut für so einen Schritt gebraucht, wie ihn die gut 20 Oberpfälzer taten. "Wir wollten ein Zeichen setzen, in diese Richtung wird es gehen. Letztlich ist unser Mut belohnt worden."
1993 habe es nur kleine Anlagen gegeben. Heute seien sogar Windräder mit einer Nennleistung von sechs Megawatt möglich: "Wenn ich das vergleiche, muss ich mich aus Vernunftgründen eigentlich für das größere Rad entscheiden", wägt Schedl ab. "Da reicht eine halbe Anlage, um die Gemeinde Bärnau zu versorgen." Wobei Schedl schon einschränkt, dass ein Rad möglichst weit weg von Siedlungen geplant werden sollte: "Je belastungsfreier für die Bevölkerung, desto besser." Für eine Ablehnung allein aus optischen Gründen hat er aber kein Verständnis. Dass die allgemeine Diskussion meist um die Höhe der Masten kreist und pauschal eine Landschaftsverschandelung unterstellt, finden die Pioniere von Ödwaldhausen nicht redlich. "Wenn jemand ein Windrad in der Ferne sieht, kann er doch kaum unterscheiden, ob es 50 oder 100 Meter hoch ist", sagt Wilhelm Krisch. "Aber ein höheres Rad bringt eben auch ein Vielfaches an Leistung. Scheinbar haben da manche Leute die Naturgesetze nicht begriffen." Als Beispiel führt er die beiden benachbarten Windräder bei Ellenfeld an. Gebaut hat sie ein paar Jahre nach "Ödwind" ein Arzt aus Weiden. "Ein Rad ist doppelt so hoch wie unseres, bringt aber das 17-fache an Energie."

Alles Ansichtssache

Über optische Beeinträchtigungen der Landschaft durch Photovoltaik oder Biogasanlagen sei nichts zu hören, wundert sich Krisch. Natürlich verändere auch ein Mast das Landschaftsbild, verweist er auf die Standorte von Funkmasten etwa beim Sibyllenbad oder auf dem Fahrenberg neben der Kirche: "Da würde ich zum Beispiel kein Windrad hinstellen."

Vor 16 Jahren war die heute weitgehend ablehnende öffentliche Meinung noch eine andere. Darin sind sich die "Ödwind"-Leute einig. "Bei der Einweihung waren alle aus dem Dorf dabei. Die Leute sind wie bei einem Volksfest herbeigeströmt, da gab es kaum negative Stimmen in der Bevölkerung", erinnert sich Magdalena Heinrich. Ein Kran hievte schaulustige Besucher in die Höhe, die Stonewood Stringband spielte auf. Kinder durften das Maschinenhaus mit Motiven der Jahreszeiten bemalen. Heute findet die Lehrerin "furchtbar", mit welch unhaltbaren Behauptungen Windkraftgegner oft argumentierten. Franz Heinrich unterstreicht: "Die Klimaveränderung kriegen wir nur bei Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energie in den Griff. Da können wie den Wind nicht ausklammern." Theoretisch könnten 15 bis 20 große Windräder den ganzen Landkreis versorgen, ist er überzeugt. Masthöhen von 120 Metern würde er in Kauf nehmen.

Keine Fremdinvestoren

Nicht an jedem Standort - beispielsweise nicht so dicht an Siedlungen wie in Ödwaldhausen. Hier rückt die Anlage dem nächsten Hof bis auf 300 Meter nahe. Den Besitzer stört's nicht: "Wer was hören will, der hört überall was. Die Autos auf der Straße sind lauter", sagt Hubert Schedl. Der Landwirt ist an "Ödwind" beteiligt.

"Man kann es in die richtige Richtung steuern", sind die Heinrichs überzeugt. "Bürgerwindanlagen wären das A und O." Probleme tauchten meistens mit externen Investoren auf. Derzeit hockten aber viele Gemeinden wie die Kaninchen vor der Schlange und dächten: "Hoffentlich kommt keiner." Doch damit öffneten sie Investoren von auswärts Tür und Tor, meint Franz Heinrich: "Besser wären Bürgerwindanlagen. Dann verdienen die eigenen Leute daran."

Gemeinde soll profitieren

Dass laut heutiger Gesetzeslage wohl kein Windrad auf Dauer zu verhindern sei, unterstreicht auch Wilhelm Krisch. Dass fremde Investoren kommen, hält er jedoch für problematisch: "Die Leute vor Ort sollten sich mit einem Windrad identifizieren. Das war in Ödwaldhausen immer der Fall." Konrad Schedl, Kreisvorsitzender der Grünen, unterstreicht: "Wenn schon, sollten die Gemeinden auch was davon haben."

16 Jahre nach der ersten Rotor-Umdrehung sind die meisten der Mitgesellschafter von damals noch dabei. Bei einer Regellaufzeit von ungefähr 20 Jahren kann der Zweiflügler noch eine Menge Arbeit verrichten. "Wir würden es jederzeit wieder machen", sagen die Windkraft-Pioniere. Nur eine Einschränkung lässt Wilhelm Krisch gelten: "Heute würde ich das Rad höher bauen."

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