25.09.2008 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Bürger von Utzenhofen betreiben ihren eigenen Laden - Erfolgsgeschichte seit 14 Jahren Die soziale Dorfwirtschaft

Mittwochs herrscht Andrang. "Wir haben heute nur am Vormittag offen", erklärt die Frau, die an der Kasse steht. Zusammen mit drei Kolleginnen "schmeißt" Christine Forster seit nunmehr 14 Jahren den Dorfladen in Utzenhofen (Landkreis Amberg-Sulzbach, 300 Einwohner). Weil am Nachmittag zu ist, geben sich die Utzenhofener Mittwochvormittag im Laden die Klinke in die Hand.

Christine Forster vor dem Utzenhofener Schmuckstück: dem 1994 eröffneten Dorfladen - damals dem ersten in ganz Bayern. Die Dorfbewohner betreiben das Geschäft in Eigenregie und sichern so die Grundversorgung im Ort. Bilder: Piehler (3)
von Uli Piehler Kontakt Profil

"Uns gibt 's immer noch. Der Laden trägt sich", sagt Christine Forster stolz. Sie steht an der Spitze der "Dorfladen Utzenhofen GbRmbH", jener Gesellschaft, die den Einkaufsmarkt seit 1994 trägt. Der damalige Zusammenschluss von rund 100 Dorfbewohnern markiert das Ende eines langen Diskussionsprozesses und den Beginn einer bayernweit einmaligen Erfolgsgeschichte bürgerschaftlichen Engagements. Mitte der 80er-Jahre schloss das einzige Lebensmittelgeschäft im Ort. 1987 lief unter der Regie der Direktion für Ländliche Entwicklung in Regensburg die Dorferneuerung an.

Gemeinde hilft mit

"Das Geschäft haben damals alle vermisst", blickt Forster zurück. Als die Utzenhofener für die Dorferneuerung ein Leitbild entwarfen, stand das Thema Dorfladen ganz oben auf der Themenliste. "Da wurde uns schnell klar, dass wir selber etwas tun müssen, wenn wir die Grundversorgung im Ort aufrechterhalten wollen." Die Idee vom bürgerschaftlich betriebenen Dorfladen war geboren. 1991 gab es eine Marketing-Studie - eine Befragung der 154 Haushalte im Dorf. Mehr als drei Viertel der Familien gaben damals an, das Angebot an Lebensmitteln und Haushaltswaren nutzen zu wollen.

"Ohne die Unterstützung durch die Gemeinde hätten wir das nicht durchziehen können", erklärt Forster. Die Marktgemeinde Kastl stellt die Immobilie mietfrei zur Verfügung - ja sie hat das ehemals leerstehende Bauernhaus mitten im Dorf überhaupt erst gekauft und herrichten lassen. 500 000 D-Mark brachte die Kommune dafür auf, 56 Prozent der Kosten konnten durch Zuschüsse abgedeckt werden.

Auch die Mitglieder der Gesellschaft trugen und tragen immer noch ihr Scherflein zum Erfolg des Projekts bei. Insgesamt zeichneten sie bei der Gründung der GbRmbH 110 Gesellschafteranteile zu je 250 D-Mark. "Wenn der Dorfladen einen Gewinn einstreicht, wird jeder Anteil mit drei Prozent verzinst", erklärt Forster. Das war bis auf die letzten beiden Jahre immer der Fall. "Heuer sieht es etwas schlechter aus. Aber das können wir überbrücken." Für den Dorfladen zählt jeder einzelne Kunde. "Einmal ist das Haltbarkeitsdatum bei einer ganzen Schachtel voll Chipstüten abgelaufen. Da ist uns eingefallen, dass ja die Frau, die immer diese Chips gekauft hat, weggezogen ist."

"Dem pressiert's"

Der Dorfladen von Utzenhofen schaut auf seine Kunden. Rasierklingen stehen in den Regalen, Waschmittel und natürlich auch Süßigkeiten. Brot und Wurst gibt es auch und Zeitschriften. Fast entschuldigend formuliert Christine Forster eine Grundregel des freien Marktes in Utzenhofen: "Wir richten unser Angebot halt nach der Nachfrage." Dazu gibt es einen unschlagbaren individuellen Service. Da wird das Päckchen Kaffee schon Mal auf die Straße getragen und durch das Autofenster gereicht oder das Obst in die Wohnung einer Seniorin gebracht.

Gerade die älteren Leute schätzten das Angebot vor Ort. "Viele Leute kaufen bei uns ein, weil ihnen der Weg für die paar Sachen zum nächsten Supermarkt zu weit ist, viele kommen auch aus Solidarität." Wie zum Beispiel der Sportverein oder die Feuerwehr. Die Kirwaburschen etwa lassen ihre komplette Fest-Bar über den Dorfladen bestücken. Forster: "Gott sei Dank halten die Leute bei uns zusammen." Sie hat keine Zeit mehr an diesem Mittwochvormittag. Ein junger Mann streift um die Kühltheke. "Dem muss ich nur schnell Zigaretten geben. Dem pressiert's meistens so."

Weitere Informationen im Internet:

www.reginet.de

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