04.02.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Christian Schärtl lernte beim Weltsozialforum in Brasilien bittere Armut kennen und prangert ... Lebensmittel-Spenden mit der Qualität von Tierfutter

von Alexander Pausch Kontakt Profil

Alljährlich treffen sich im brasilianischen Porto Alegre Kämpfer für eine gerechtere Welt. Beim Weltsozialforum diskutieren Vertreter von Nichtregierungsorganisationen aus Nord und Süd miteinander. Unten ihnen war auch Christian Schärtl aus der Gemeinde Leuchtenberg (Kreis Neustadt/WN). Das Interview kurz nach der Tagung führte Alexander Pausch.

Sie sind derzeit in Brasilien. Ihr erster Besuch beim Weltsozialforum?

Schärtl: Nach meiner Teilnahme am am Europäischen Sozialforum 2003 in Paris ist dies das erste Mal, dass ich bei einem Weltsozialforum bin.

Wie haben sie das Weltsozialforum erlebt?

Schärtl: Für mich persönlich war das Weltsozialforum sehr gewinnbringend. Ich konnte zahlreiche Anregungen und Informationen mitnehmen, die ich für meine Arbeit in der Landjugend sehr gut gebrauchen kann. Erschreckend war für mich, zu erfahren, wie extrem inzwischen die Armut in der Welt ist und mit welch grausamen Methoden sie noch weiter ausgebreitet wird. Es gibt Gruppen in unserer Gesellschaft, die nicht davor zurückschrecken, die Armut anderer zum eigenen Vorteil zu nutzen. Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen belegten dies durch Berichte von Ereignissen, die sie größtenteils am eigenen Leib erlebt haben.

Ein Mann aus Afrika berichtete von Lebensmittelhilfen für die Einwohner in Angola: "Den Mais, den man uns zum Essen gab, fütterte man andernorts nicht mal den Tieren." Gleichzeitig wurde deutlich, dass Länder wie die USA, mit Vorliebe Lebensmittelhilfen verteilen. Zum einen fördern sie dadurch die eigene Landwirtschaft, die diese Nahrung produziert, zum anderen erzeugen sie neue Abhängigkeiten, da der Aufbau einer eigenständigen Nahrungsmittelproduktion in den Empfängerländern nicht mit den kostenlosen Gaben konkurrieren kann und völlig zusammenbricht.

Ist die Teilnahme für Menschen aus reichen Industriestaaten nicht eine Art Abenteuerurlaub? Denn nach wenigen Tagen mit Blick auf Armut und Slums geht es zurück in die wohlhabende Heimat.

Schärtl: Nein. Die meisten Teilnehmer sind im Auftrag ihrer Organisation hier. Das Engagement für den ärmeren Teil der Erde endet also nicht mit der Abreise aus Brasilien, sondern geht mit der Arbeit in der Heimat weiter. Außerdem haben die meisten bereits Erfahrungen mit Reisen in so genannte "Entwicklungsländer" und erleben daher nicht viel Neues. Für das Weltsozialforum ist es ein wesentliches Element, dass es auf der Südhalbkugel der Erde, bei den Ärmeren stattfindet und bewusst nicht in einem Industrieland, wie die Treffen der hohen Politik. Schon der Veranstaltungsort ist eine Solidaritätserklärung. So soll das nächste Forum in Afrika stattfinden.

Das Weltwirtschaftsforum in Davos umgibt sich mit dem Glanz eines Schweizer Nobelskiortes. Wie sind die Teilnehmer beim Weltsozialforum untergebracht?

Schärtl: Unterschiedlich, aber meist sehr einfach: einige in Hotels, bei Privatleuten, in Pensionen oder Zelten. Wir hatten das Glück, im Pastoralzentrum des Erzbistums Porto Alegre unter zu kommen. Insgesamt schliefen dort während des Forums etwa 50 Leute. Die Zimmer waren klein und ausgestattet mit je vier Betten, vier Stühlen und zwei Nachttischkästchen. Ich teilte mir den Raum mit einem Franzosen, einem Inder und einem Mann aus Uganda. Internationales Flair auf engstem Raum.

Wer zahlt die Kosten für die Teilnehmer in Porto Alegre?

Schärtl: Meist übernehmen dies die entsendenden Organisationen. Es ist aber auch klar, dass ein Teil von den Teilnehmern aus der privaten Geldbörse zu übernehmen ist, da es sich sonst ein Jugendverband wie die Landjugend nicht leisten könnte, an der Veranstaltung teilzunehmen.

Einmal im Jahr macht das Weltsozialforum mit Erklärungen von sich reden. Diesmal wurde der Umzug der Vereinten Nationen gefordert. Worin liegt der langfristige Nutzen des Treffens?

Schärtl: Das Wichtigste ist meiner Ansicht nach, dass es mit dieser Veranstaltung gelingt, der Zivilgesellschaft und vor allem den Armen auf globaler Ebene Gehör zu verschaffen. Bestes Beispiel ist die Berichterstattung über das Weltwirtschaftsforum, die einherging mit den Berichten aus Porto Alegre. Damit standen nicht nur die Reichen und Mächtigen mit ihren Interessen im Mittelpunkt. Gleichzeitig verschaffen wir uns aber auch Gehör bei den Entscheidungsträgern der Politik. So sprach heuer erstmalig mit Präsident Lula aus Brasilien ein Staatschef.

Die Verlegung des UN-Sitzes ist nur eine Forderung. Viel wichtiger ist dagegen die generelle Forderung, der derzeitigen neoliberalen Tendenz in der weltweiten Gesellschaft Einhalt zu gewähren und wieder den Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen, nicht das Kapital. Ein zweiter, sehr wichtiger Aspekt ist die Möglichkeit der Vernetzung. Nirgendwo sonst treffen so viele Nichtregierungsorganisation an einem Ort zusammen wie beim Weltsozialforum.

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