03.04.2009 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Der Hamburger Kaufmann John Rabe rettete 1937 eine Viertelmillion Chinesen vor den Japanern Der gute Deutsche von Nanking

In China verehrt man John Rabe als nationalen Helden, in Deutschland ist der Hamburger Kaufmann fast unbekannt. Er rettete 1937 eine Viertelmillion Chinesen vor den Exzessen japanischer Soldaten. Seine Geschichte ist gestern als Film in die Kinos gekommen (siehe Filmseite vom Donnerstag).

Szene aus dem Film „John Rabe“, in dem Ulrich Tukur (Mitte) den deutschen Kaufmann spielt. Als während der Luftangriffe der Japaner in Nanking Panik ausbricht, öffnet Rabe die Tore des Firmengeländes, um die schutzsuchenden Familien seiner Arbeiter in Sicherheit zu bringen. Bild: Majestic
von Jürgen HerdaProfil

Der 34-jährige Zhou Ye ist ein ruhiger Zeitgenosse. Doch wenn der Chinese über John Rabe erzählt, geht das mit lebhaften Gesten einher, und die Augen funkeln. Zhou Ye kennt die Geschichte des Hamburger Kaufmanns Rabe genau, der fast 30 Jahre für Siemens in China arbeitete und eher zufällig zum Helden wurde.

Zhou Ye stammt aus Nanking (heute: Nanjing), dem Ort des grausamen Geschehens im Jahr 1937. „Jedes Kind kennt dort das John-Rabe-Haus“, verweist er auf die 2006 eröffnete Gedenkstätte, das „Rabe- Forschungszentrum für Friedens- und Konfliktlösung“. In diesem Haus hat Rabe gewohnt, Hunderte Chinesen in seinem Garten beherbergt und sie vor dem sicheren Tod bewahrt. Wie seine Landsleute verehrt Zhou Ye den „guten Deutschen von Nanking“, der beim Einmarsch der Japaner geblieben ist, um Menschen zu helfen. Die Japaner hatten Teile Chinas besetzt. Im Dezember 1937 umzingelten sie Nanking und begannen am 10. des Monats mit dem Angriff auf die damalige chinesische Hauptstadt. Es kam zu schlimmen Exzessen der japanischen Soldaten an der Zivilbevölkerung: Sie mordeten, vergewaltigten die Frauen, spießten Babys auf Bajonette auf, verbrannten Zivilisten bei lebendigem Leib. Bei dem „Massaker von Nanjing“ wurden nach chinesischen Angaben in wenigen Wochen 300 000 Menschen niedergemetzelt.

In dieser Situation von brutaler Gewalt richtete Rabe zusammen mit anderen in der Stadt lebenden Ausländern eine etwa vier Quadratkilometer große Sicherheitszone ein, die als international kontrolliertes Gebiet der Bevölkerung Zuflucht bieten sollte. Mehr als 200 000 Menschen retteten sich auf dieses Areal. Rabe wurde zum Vorsitzenden des internationalen Komitees für das Schutzquartier gewählt.

Verbündete Japaner

Man hoffte, dass er als Deutscher und vor allem als NSDAP-Mitglied Einfluss auf die japanischen Militärs nehmen könne. Japan war seit 1936 mit Deutschland verbündet. Mit dem Parteiabzeichen, der Hakenkreuz-Binde am Arm und seinem Parteibuch trat Rabe der kaiserlich-japanischen Okkupationsarmee entgegen.

Augenzeugen berichteten später, dass er so manchen japanischen Eindringling eigenhändig, lautstark und mit der Autorität, die ihm das Hakenkreuz verlieh, vertrieben habe. Mit seinen Mitstreitern verfasste er Berichte an die Regierungen verschiedener Länder, auch an die japanische und an Hitler. Er bat sie, gegen das Morden einzuschreiten.

John Rabe hielt die Vorgänge in Nanking in seinem Tagebuch fest: „Wir sind in jenen Dezembertagen buchstäblich über Leichen gestiegen“, schrieb er, „fast ein jeder von uns stand dutzendmal in Gefahr, ermordet zu werden. Ich hatte keine andere Waffe als mein Parteiabzeichen und meine Armbinde mit dem Hakenkreuz.“

Als John Rabe am 23. Februar 1938 aus Nanking abreisen musste, schenkten ihm die geretteten Chinesen ein Tuch: „Du bist der lebende Buddha für 100 000 Menschen“ stand darauf. „Jeder glaubt, ich sei ein Held, und das kann sehr genierlich sein, denn ich kann nichts Heldenhaftes an oder in mir bemerken“, schrieb er in sein Tagebuch.

Von Gestapo verhaftet

In Deutschland zurückgekehrt, machte Rabe in Vorträgen auf die Kriegsverbrechen in Nanking aufmerksam. Auch an Hitler verfasste er wiederholt Briefe und hoffte, dass dieser auf die Japaner einwirken würde. Doch die Nazis zeigten kein Interesse an Rabes menschenfreundlichem Anliegen. Im Gegenteil: Er wurde von der Gestapo verhaftet, verhört und zum Stillschweigen verurteilt. Er durfte über seine Erlebnisse in China nicht mehr sprechen. Seine Firma Siemens schob ihren einstigen Repräsentanten in China auf unwichtige Posten ab.

Nach dem Krieg wurde Rabe von den Briten 1946 nur widerstrebend entnazifiziert. Erst nach einem langwierigen Verfahren sprachen die Behörden „aufgrund der erfolgreichen humanitären Arbeit in China“ keine Strafe gegen ihn aus. Die Chinesen aber hatten ihren Retter nicht vergessen. Sie hörten von seinen ärmlichen Lebensverhältnissen in Deutschland und boten ihm an, nach China überzusiedeln und im Hauptkriegsverbrechertribunal in Tokio als Zeuge aufzutreten. Doch das wollte Rabe nicht, weil er „keine Japaner hängen sehen (will) obgleich sie es verdient hätten“. So sammelten die Chinesen Geld für ihn, das sie ihm nach Deutschland schickten.

Der 67-jährige John Rabe starb im Januar 1950 verarmt und vergessen in Berlin an einem Schlaganfall. Erst 1998 rückte er wieder ins Licht, als seine Tagebücher veröffentlicht wurden. Der Asienexperte und ehemalige deutsche Botschafter in China, Erwin Wickert, hatte diese historischen Dokumente herausgegeben. Wickert - Vater des Ex-Tagesthemen-Moderators Ulrich Wickert - lernte Rabe als junger Student 1936 persönlich kennen. Er charakterisierte ihn als einen schlichten Menschen, der hilfsbereit und beliebt war und auch in schwierigen Situationen seinen Humor behielt.

Kein Nazi gewesen

Vor allem sei Rabe kein Nazi gewesen: „Er hat den Nationalsozialismus, von dem er in China nur gelesen, den er aber nicht erlebt hatte, gründlich missverstanden“, schrieb Wickert. Er habe von Hitler und der Wirklichkeit des nationalsozialistischen Deutschland keine Ahnung gehabt. Rabe selbst verzeichnete in seinem Tagebuch: „Hätte ich die Ziele der Partei besser gekannt, wären ich und meine Freunde in China nie in die Partei eingetreten.“

Der Chinese Zhou Ye aus Nanking schätzt sich glücklich, die Tagebücher Rabes im Original eingesehen zu haben. Der Enkel John Rabes, Thomas Rabe, hat sie ihm gezeigt. Der Professor an der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik hält das Gedenken an seinen Großvater hoch. Thomas Rabe initiierte das „John Rabe- Kommunikationszentrum“, das in einem kleinen Museum die Tagebücher, Fotos und Briefe aus der Zeit in Nanking aufbewahrt. Außerdem will das Zentrum für Humanismus und Völkerverständigung wirken, indem es Studenten aus China und Japan Stipendien für die Bearbeitung ihrer Forschungsprojekte zur Verfügung stellt.

Zhou Ye bedauert, dass die Geschichte John Rabes in Deutschland viel zu wenig bekannt ist. Er hofft, dass der mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle gedrehte Film „John Rabe“ dazu beiträgt, ihn dem Vergessen zu entreißen.

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