27.01.2010 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Die deutschen Soldaten in Afghanistan fühlen sich von der Heimat alleingelassen und unverstanden Kampfeinsatz auf Höhe 431 bei Kundus

Höhe 431 nennen die Militärs den Hügel im nordafghanischen Distrikt Char Darah, auf dem die Bundeswehr Stellung bezogen hat. Hier erinnert nichts mehr an Soldaten, die am Hindukusch Brunnen bohren oder Brücken bauen. Hier sind Deutsche im Krieg, so empfinden das die Truppen, auch wenn die Politik das so deutlich nicht sagen will.

Ein Bundeswehrsoldat überwacht die Umgebung. Vor ihm liegt ein Scharfschützengewehr. Auf der Höhe 431 im Distrikt Char Darah in der nordafghanischen Provinz Kundus hat die Bundeswehr seit einiger Zeit eine Stellung eingerichtet. Bilder: dpa
von Agentur DPAProfil

Gräben durchziehen die Anhöhe. Soldaten stehen an schweren Maschinengewehren. Scharfschützen beobachten das Umland. Jeder hier war schon im Gefecht mit den Taliban. Die Soldaten wurden vom Bundestag an diesen unwirtlichen Flecken Erde in der Provinz Kundus geschickt - nun fühlen sich viele von der Heimat im Stich gelassen.

Am Vormittag wartet ein Zug Kampftruppen im Feldlager in Kundus darauf, die Kameraden der Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force/QRF) auf der Höhe 431 abzulösen. Die Soldaten scherzen, einige rauchen vor der Abfahrt des Konvois noch eine Zigarette. Die kommenden Tage werden die inzwischen kampferprobten Männer außerhalb der Camp-Mauern verbringen, die Bundeswehr will Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Soldaten sollen nicht mehr nur für kurzfristige Operationen ausrücken, ins Lager zurückkehren und den Taliban das mühsam eroberte Gelände wieder kampflos überlassen.

"Das Grundprinzip unseres Vorgehens ist, dass wir nur reingehen, wenn wir und die afghanischen Sicherheitskräfte auch auf Dauer bleiben können", sagt der Kommandeur des Wiederaufbauteams (PRT) Kundus, Oberst Kai Rohrschneider. Er wünscht sich dafür eine weitere Kompanie Kampftruppen. Im Sommer waren deutsche und afghanische Soldaten für die Operation "Adler" nach Char Darah ausgerückt. Sie lieferten sich schwere Gefechte mit den Taliban, nach einigen Tagen zogen die Deutschen wieder ab. Die Taliban sickerten erneut in das Gebiet ein. Danach hieß es, die Taliban hätten Todeslisten mit Namen jener Afghanen erstellt, die mit den Deutschen zusammenarbeiteten.

Hinweise auf Bomben

Die Ablösung ist bereit zum Abmarsch, ein Unteroffizier weist die Soldaten ein: "Feindlage unverändert." Die Warnungen vor Sprengfallen seien "soweit noch intakt". Es gebe Hinweise, dass Aufständische drei Fahrzeuge zu rollenden Bomben umgebaut hätten, eines davon mit 300 Kilogramm Sprengstoff. Die Soldaten tragen Splitterschutzwesten. Handschuhe sollen die Hände vor Verbrennungen schützen, Schutzbrillen dafür sorgen, dass man nicht erblindet. Ohrstöpsel sollen verhindern, dass bei einem Panzerfaust-Angriff das Trommelfell platzt.

Die Taliban, sagt ein Soldat mit einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung, wirkten oft völlig unbeeindruckt von der Übermacht des Gegners. Die Aufständischen würden sich offen auf ein Feld stellen und so lange angreifen, bis sie erschossen würden. Ein Soldat nennt die Aufständischen "ziemlich einfallsreich und auch ziemlich motiviert".

Hauptbootsmann Holger - wie bei allen Soldaten hier darf nur der Vorname genannt werden - sitzt am Steuer eines gepanzerten Fahrzeug vom Typ Dingo. Er rät den Helm abzusetzen. Bei einem Anschlag könnten die Insassen gegen die Fahrzeugdecke geschleudert werden. Der Helm könnte einem dann das Genick brechen. "Und wenn wir so massiv angegriffen werden, dass wir im Fahrzeug einen Helm brauchen, dann haben wir eh andere Probleme." Der 38-Jährige lacht. Holger sagt, er möge seine Arbeit, er habe es schon mit einem ruhigeren Posten versucht, doch für ihn sei das nichts.
Der Konvoi fährt los. Kinder winken, genau wie vor ein paar Jahren, als Kundus noch eine der friedlichsten Provinzen war. Dann kommt ein Funkspruch, dass ein Afghane am linken Straßenrand ein Handy zückt. Die Taliban haben ein Netz an "Spottern", die melden, wann sich Truppen wohin bewegen. Viel können die Soldaten dagegen nicht unternehmen - der Afghane könnte schließlich nur einen Freund anrufen.

Holger ist seit November in Kundus, im Winter zuvor war er das erste Mal dort, auch damals war er in Char Darah. "Selbstverständlich ist die Lage angespannter. Bei meinem ersten Einsatz konnte ich noch jedes Dorf in diesem Distrikt bereisen, was wir damals auch getan haben. Inzwischen ist unsere Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt." Angst habe er nicht, sagt Holger. "Man hat ein gesundes Maß an Anspannung, ist hellwach und konzentriert sich auf seine Arbeit. Wir waren hier im Feuergefecht auch mit dabei. Man funktioniert, man denkt nicht über das nach, was in dem Moment passiert."
Den Einsatz hält Holger für sinnvoll: "Sonst wäre ich nicht hier." Zur Debatte in der Heimat, wo eine Mehrheit den Abzug fordert, meint Holger: "Diese Diskussion wird von Leuten geführt, die mit Sicherheit belesen sind, was diesen Einsatz betrifft, aber diese Umstände hier vor Ort nicht persönlich nachvollziehen können. Jeder, der versucht, sich ein Urteil darüber zu bilden, sollte sich hier mal zum Dienst melden."

Hügelkämpfer

Der Konvoi hat den Fuß des Hügels erreicht, Holger stoppt den Dingo. Die Soldaten tragen ihre Ausrüstung auf die Höhe 431. Nach der Schlepperei steht Dustin trotz der Kälte der Schweiß auf der Stirn, der junge Mann gehört zur Ablösung. Am linken Ärmel seiner Uniform hat er einen Aufnäher angebracht, auf dem "Taliban Hillfighter" steht, Hügelkämpfer gegen Taliban. Für viele Soldaten ist unverständlich, was der Luftangriff vom 4. September für eine Diskussion losgetreten hat. Den Angriff ordnete die Bundeswehr an, neben Taliban starben auch Zivilisten. Der Bundestag setzte einen Untersuchungsausschuss ein, der Staatsanwalt ermittelt. "Alle sind auf dem 4. September hängengeblieben", sagt Dustin zur Debatte. "Was in der Zwischenzeit schon wieder passiert ist oder wie uns auch die Taliban hier zusetzen, das interessiert dann zu Hause keinen mehr."
"Ich spreche da für viele, glaube ich, die hier sind, da fühlt man sich schon im Stich gelassen", sagt Dustin, der seinen Dienstgrad nicht nennen will. Wenn er sehe, wie Soldaten anderer Nationen unterstützt würden, "dann ist das schon traurig. Wir machen ja hier keine schlechte Arbeit. Aber die Deutschen werden meiner Meinung nach einfach zu wenig aufgeklärt über das, was hier passiert. Es sind ja auch gute Sachen. Wir treiben ja einiges voran hier."

Militärseelsorger Mark sagt: "Es frustriert einen schon, weil die Kameraden hier im Einsatz einen hervorragenden Job leisten." Die Debatte sorge für Unsicherheit und sei gefährlich. Wenn ein Soldat aus Angst vor dem Staatsanwalt erst nachdenke, ob er im Gefecht seine Waffe gebrauche, dann "kann das im Zweifelsfall das eigene Leben oder das Leben der Kameraden bedeuten. Und das belastet die Jungs und Mädels auf jeden Fall." Ein Offizier kritisiert, den Einsatz "kann man nicht nach deutschem Friedensrecht messen. Das ist eine Lage, die die Soldaten in die Verzweiflung treibt. Die Diskussion wird von Leuten geführt, die wie die Blinden von der Farbe reden."

Fünf bis zehn Gefechte

Während Holger, Dustin und die anderen Soldaten Stellung an der Höhe 431 beziehen, freuen sich ihre abgelösten Kameraden aufs Feldlager, auf die Duschen, auf warmes Essen und auf ein Dach über dem Kopf. Drei Tage lang haben sie in der afghanischen Winterkälte unter freiem Himmel geschlafen und sich von EPAs ernährt, den Bundeswehr-Esspaketen mit Fertiggerichten. Die Belastung, sagt der Zugführer, sei hoch, die Soldaten seien immer kürzer im Lager und immer öfter draußen. Seit Oktober ist seine Kompanie in Kundus, der Zugführer hat den Überblick über die Anzahl der Kämpfe verloren. "Fünf bis zehn Mal" seien die Soldaten in Feuergefechte mit den Taliban verwickelt gewesen, schätzt er.

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