31.08.2009 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Diensthütte: Heim für Förster in Einöde in 50er Jahren abgerissen - Forsthaus bei Neudorf Wirtschaft für Waldarbeiter

Wer den Ort in südlicher Richtung verlässt, entdeckt nach einem knappen Kilometer in einer Waldlichtung ein gemauertes Gebäude, dessen Fenster und Türen mit grünen Läden verschlossen sind. Unter dem Erker des Satteldaches hängt eine Ortstafel, die früher vor dem Zaun am Wegrand angebracht war. Ihr ist zu entnehmen, dass das Haus an der Grenze der Landkreise Amberg-Sulzbach und Neustadt den Namen Diensthütte trägt.

von Autor SEFProfil

Näheres ist aus einer Neudorfer "Zensur- und Absentenliste" zu erfahren. Im Schuljahr 1860/61 besuchte Förstersohn Stephan Gambs als 37. von 72 Schülern die ungeteilte Werktagsschule Neudorf. Er war am 23. September 1851 in jener Diensthütte zur Welt gekommen. Sie muss also um die Mitte des 19. Jahrhunderts bereits gestanden haben. In den Ortsverzeichnissen von 1875, 1904, 1928 und 1932 ist die Einöde stets als eigene Ortschaft der Gemeinde Neudorf vermerkt.

Erst 1989 wurde sie als neue Flur-Nr. 572 der Gemarkung Holzhammer zugewiesen. Verwaltungsmäßig war für die Einöde Diensthütte seit 1862 das Bezirksamt Neustadt/WN zuständig. Vorher hatte sie 1802 zum Amt Parkstein-Weiden, 1807 zum Landgericht Neustadt/WN und 1838 zum neu gegründeten Landgericht Weiden gehört. Straftatbestände ahndete das Amtsgericht Weiden, das 1879 auf den Plan getreten war. Die Erfassung der Wehrpflichtigen erfolgte ebenfalls in Weiden.

Verschneiter Schulweg

Mindestens seit 1851 war Revierförster Karl Gambs von dem abgelegenen Haus aus für das umliegende Waldgebiet zuständig. Sohn Stephan hatte offensichtlich große Probleme, im Winter den verschneiten Schulweg nach Neudorf zurückzulegen. Lehrer Justin Götz vermerkte folgendes: ,,Stephan ist seit dem Anfang der Winterschule trotz öfterer Ermahnung nicht erschienen. Vom 4. August an erhielt er Privatunterricht."
1889 tauchte der königliche Förster Johann Fichtner als Betreuer des Waldes mit Amtssitz Diensthütte auf. In diesem Jahr besuchte Adoptivtochter Walburga die Schule. Sie wurde von Theodor Sturm unterrichtet.

1898 bezog Forstwart Albert Schwarzer, der aus Kulmain stammte, das einsame Domizil. Seine Tochter Maria absolvierte damals das dritte Jahr ihrer Schulpflicht bei Lehrer Franz Seraph Röhrl. Forstwart Schwarzer hatte noch vier weitere Kinder: Elsa, Martin, Johann und Karl.

Abgeschieden im Wald

Ein legendärer Bewohner der Diensthütte war seit 1903 der 1869 geborene Oberforstverwalter Johann Zanner. Er stammte aus Unterwildenau, seine Frau Magdalena Cronauer aus Leimen in der Rheinpfalz, die von 1816 bis 1945 als linksrheinische Enklave zu Bayern gehörte. Sie musste sich erst an die Abgeschiedenheit im Neudorfer Wald gewöhnen. Zanners vier Sprösslinge hießen Hugo, Elsa, Theresia und Margareta. Die ersten zwei erblickten in Leimen, die anderen 1904 und 1909 in der Forstdiensthütte das Licht der Welt.
Um den Unterhalt der Familie zu sichern, durfte Zanner auf Dienstgrund nebenbei eine Land- und Gastwirtschaft betreiben. Sie wurde hauptsächlich von zahlreichen Waldarbeitern besucht. 1932 verdienten zehn Väter von 61 Neudorfer Schulkindern mit Holzarbeit ein Zubrot.

99-jährig gestorben

Der Förster hatte auch die Revierjagd gepachtet und wurde 1934 nach 31-jähriger Dienstzeit in den Ruhestand versetzt. Anschließend zog er nach Nabburg, wo er 1968 im Alter von fast 100 Jahren starb.

1934 zog Forstverwalter Georg Wernsdörfer, der vorher im Forstamt Kelheim-Süd angestellt war, mit Ehefrau Maria und Tochter Waltraud in die Waldidylle. Bald darauf schloss er das Wirtshaus. Am 15. Dezember 1945 wurde er von der Mi1itärregierung entlassen, wohnte aber weiterhin in der Diensthütte.

Nach einer Vakanz von mehr als zwei Jahren übernahm Revierförster Karl Schieder aus Pottenstetten 1947 das Regiment und bezog die Diensthütte mit Ehefrau Walburga und den Kindern Gerda, Hans und Hubert. Der Jüngste erinnert sich gern daran, dass die Geschwister unbeschwerte Kindheitsjahre verlebten.
Oft begegneten sie auf dem Schulweg Rehen, Hirschen und Wildschweinen. Auch zu Hause pflegten sie regen Kontakt mit vielerlei Tieren. Hielten die Eltern doch in den kargen Nachkriegsjahren Schweine, Ziegen, Schafe, Gänse und Hühner zur Selbstversorgung.

Mit Motorrad verunglückt

1949 richtete ein Sturm großes Unheil an. Besonders Jungvögel hatten darunter zu leiden. Eines Tages brachte der Vater einen flugunfähigen Uhu mit und ließ ihn von den Kindern aufpäppeln. Die Idylle fand ein abruptes Ende. Am 14. Dezember 1949 verunglückte der Revierförster tödlich mit dem Motorrad kurz vor Schnaittenbach. Kurz danach mussten die Hinterbliebenen die Dienstwohnung verlassen.

Bereits 1935 hatte die Forstdirektion festgestellt, dass die Diensthütte Neudorf ziemlich marode war. Die Türen ließen sich nur schlecht schließen, die morschen Fenster boten keinen ausreichenden Schutz gegen das feuchtkalte Klima in dem Nebel- und Frostloch. Äußerst primitiv waren auch die sanitären Anlagen. Wasser gab es nur aus einem Pumpbrunnen, der heute noch steht.

Nebengebäude steht noch

Schon 1936 erwog man deshalb einen Neubau. Doch das Vorhaben verzögerte sich und scheiterte schließlich am Geldmangel in den Nachkriegsjahren. 1951 genehmigte das Ministerium einen ,,Verkauf auf Abbruch". Der Gesamterlös belief sich auf 2951 DM. Nur das Nebengebäude, das einst Schweine-, Kuh- und Pferdestall war, blieb als Geräte- und Aufenthaltsraum für die Forstbediensteten stehen.

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