25.09.2009 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Dirndl-Boom erreicht zur Wiesn seinen Höhepunkt Traditionell oder trashig: Tracht ist in

Wenn Martha Pruy im Fernsehen das Promi-Schaulaufen auf dem Oktoberfest beobachtet, freut sie sich insgeheim. "Die Stars tragen wieder lange Dirndln. Dann sind sie bald auch bei uns angesagt", sagt die Amberg-Sulzbacher Kreisheimatpflegerin voraus. Doch während Martha Pruy für die traditionelle Tracht wirbt, gilt gerade bei jungen Mädchen: Kurz, bunt und sexy muss das Dirndl sein.

Oktoberfest ist Dirndl-Zeit - egal ob moderne oder traditionelle Schnitte. Bild: dpa
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Ob traditionell oder trashig: Tracht liegt voll im Trend. Und auch wenn Martha Pruy kein großer Fan von Partydirndln ist: Über die neue Begeisterung für Lederhose und Dirndl ist sie hocherfreut. Dennoch schränkt sie ein: "Bei Festzügen oder beim Kirwa-Austanzen sollte es schon eine traditionelle Tracht sein."

Mehr Druck von Vereinen

In Oberbayern seien Dirndln und Lederhosen so verbreitet, weil die Trachtenvereine das Brauchtum schon seit langem strikt pflegten. "Da wünsche ich mir von den Vereinen in der Oberpfalz mehr Druck, dass man sich bemüht, schöne und traditionelle Trachten zu zeigen." Aber was macht sie denn eigentlich aus, die Oberpfälzer Tracht? "Rock und Schürze müssen schwingen", sagt die Kreisheimatpflegerin. Die Mindestlänge: einen Masskrug vom Boden weg. Darunter gehören Unterrock und Spitzenhose. Die Schuhe sollten schwarz und geschlossen sein - und einen Absatz von nicht mehr als drei Zentimetern haben. Die Haare gehören zusammengebunden. Ein historischer Hut rundet das Traditions-Outfit ab. Recht schlicht fällt die Tracht der Männer aus: Schwarze Stoff- oder Lederhose, weißes Hemd und ein Leiberl gehören aber auf jeden Fall dazu.

Mit etwas Geschick kann man sich die Tracht in einem Kurs bei Martha Pruy selbst nähen. Und das auch noch für wenig Geld: Ein Baumwoll-Dirndl kostet etwa 80 Euro für den Stoff plus 45 Euro Kursgebühr. Dafür wartet viel Arbeit: "Wir sitzen drei Samstage hintereinander von früh bis spät an den Trachten", sagt die Expertin. Danach aber hält jeder Teilnehmer sein ganz persönlich gestaltetes Dirndl in der Hand. Denn beim Verzieren mit Glasperlen, Ketten und Knöpfen kann jeder seiner Fantasie freien Lauf lassen. Da kommen selbst die ganz jungen Mädchen auf den Geschmack. "So befassen sie sich mit den alten Handwerkskünsten", freut sich Martha Pruy.

Wer mit Nadel und Faden weniger anfangen kann, dem bleibt immer noch die überwältigende Auswahl in Trachtengeschäften. Und dort geht es vor und während des Oktoberfests schon fast zu wie auf der Wiesn. "Viele kommen ganz kurzfristig, um sich für den Ausflug aufs Oktoberfest perfekt einzukleiden", erzählt Karin Laurer vom Trachtenhof Nübler in Immenstetten (Kreis Amberg-Sulzbach). Zielsicher zieht sie ein lila Dirndl aus der Menge der bunten Kleider. "Das ist heuer besonders angesagt. Außerdem ist Türkis Trendfarbe." Für die Wiesn greifen die meisten - Martha Pruy würde sich freuen - nach Dirndln, die bis zum Knöchel oder zumindest übers Knie reichen.

Rosa gerüschte Handschellen

Trotzdem hängen die Ständer auch voller kurzer, knallbunter Partydirndln. "Die kaufen die 16- bis 20-Jährigen für die Feste in der Region", erklärt Karin Laurer. Da greift man dann auch schon mal zu Accessoires wie rosa gerüschte Handschellen oder lila Handtaschen in Herzform. Ganz wichtig für alle Dirndl-Trägerinnen: ein Push-up-BH für ein bierzelttaugliches Dekolleté. "Egal, ob man viel oder wenig Oberweite hat: Der BH muss sitzen."

Damit wären die Outfit-Fragen geklärt. Und es steht nur noch eine Antwort aus: Woher kommt der Trend zur Tracht eigentlich? Warum stehen die Burschen und Moidln auf einmal in feschen Dirndln und Lederhosen auf den Biertischen - und nicht mehr, wie noch vor zehn Jahren, einfach in Jeans? Karin Laurer hat eine ganz einfache Erklärung: "Ich denke, Tracht tragen ist ansteckend. Wer ein schmuckes Pärchen in Dirndl und Lederhose auf der Wiesn sieht, denkt sich: So geh ich nächstes Mal auch." Kreisheimatpflegerin Martha Pruy wird bei dieser Frage schon fast philosophisch: "Das hat mit der Darstellung jeder einzelnen Person und mit Heimatgefühl zu tun. In der Tracht werde ich in einer globalisierten Welt wieder zu einem Individuum mit festen Wurzeln."

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