09.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Ebola wütete bereits im Juni in Sierra Leone, doch kaum jemand nahm davon Notiz "Die Welt hat zu spät reagiert"

Es sind nicht die Erinnerungen an die vielen Ebola-Toten, die sich ins Gedächtnis brennen. "Es sind die Schicksale der Überlebenden", sagt der Berliner Arzt Thomas Kratz. Fast vier Wochen war der 38-Jährige für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in Sierra Leone. Am Anfang fühlt er sich so verloren wie Don Quijote.

Für die Ebola-Epidemie in Sierra Leone kam die großangelegte internationale Hilfe zu spät, kritisiert der Berliner Arzt und Helfer Thomas Kratz. Das mache die Eindämmung der Krankheit in anderen Ländern, wie hier in Liberia, nun so schwer. Bild: dpa
von Agentur DPAProfil

Zu fünft kämpft das Team Mitte Juni gegen ein gefährliches Virus, das die staatlichen Gesundheitsbehörden heillos überfordert. Anfang Juli schaltet sich die Zentrale der Weltgesundheitsorganisation ein, erst im August gibt es die erste große Finanzspritze der Weltbank. "Die Welt hat zu spät reagiert, vor allem in Sierra Leone", sagt Kratz heute. "Wir haben jetzt eine Chance, die Epidemie einzudämmen. Aber das wird noch Monate dauern."

Drei Mediziner dringend gesucht! So beginnt die E-Mail, mit der "Ärzte ohne Grenzen" Anfang Juni weltweit nach Kollegen mit Ebola-Erfahrung sucht. Thomas Kratz gehört dazu. 2012 half er, einen lokalen Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo erfolgreich zu bekämpfen. Sierra Leone gilt als größere Herausforderung, eine unwägbare Lage, gefährlicher als im Nachbarland Guinea. Thomas Kratz ist Allgemeinmediziner mit einer Praxis in Berlin. Er hat einen Tag nachgedacht und sich gemeldet. Er sei Arzt geworden, um Menschen zu helfen, sagt er.

Pures Chaos

Als Kratz in Sierra Leone ankommt, erwartet ihn in der Stadt Kailahun das pure Chaos. Es gibt bereits 20 bestätigte Ebola-Fälle - und sonst fast nichts. Das einzige Labor für Blutproben liegt in einer anderen Stadt. Mitunter dauert es 72 Stunden, bis das Ergebnis kommt. Wertvolle Zeit geht verloren, in der Kranke zu acht in einem Zelt liegen. "Ebola-Symptome sind von Malaria, Grippe oder Typhus anfangs kaum zu unterscheiden", sagt Kratz. "Unsere größte Befürchtung war, dass sich hier jemand ansteckt, der gar kein Ebola hat."

Bis zum 6. August werden 700 Ebola-Kranke gemeldet. Viele Patienten wagten sich aber nicht in die Behandlungszentren, sagt Kratz. "Es ist die Angst vor Stigmatisierung. Und es schwirren Gerüchte umher", berichtet der Mediziner. "Es gibt sogar die Mär, dass Europäer Menschenversuche mit Afrikanern machen und sie mit Ebola infizieren." Es sind irrationale Ängste in einem Land mit niedrigem Bildungsniveau, gemischt mit Misstrauen aus Kolonialzeiten und dem Stolz, sich von Weißen nicht alles vorschreiben zu lassen. Für Kratz zählen vor allem die Hygiene-Schulung lokaler Helfer und der Schneeball-Effekt, der daraus entsteht. Fingerspitzengefühl und Sensibilität für die Kultur gehören dazu. "Das gefährlichste sind Beerdigungen", sagt Kratz. Radiosender warnen in Sierra Leone inzwischen vor dem traditionellen Waschen und Berühren der Ebola-Toten. Doch es ist schwer, auch vor dem Händeschütteln zu warnen, der üblichen Begrüßung im Land. Kulturwandel braucht Zeit. Ebola ist oft schneller. Der Berliner Arzt sieht aber noch eine ganz andere Gefahr: Ebola stehe so sehr im Mittelpunkt, dass die Behandlung anderer Krankheiten vernachlässigt werden könnte. "Ich möchte nicht wissen, wie viele Kinder gerade an Malaria sterben", sagt er.

Kummer und Schmerz

Sein Einsatz habe ihn verändert, sagt Kratz. Eine Woche lang stand er zurück in Berlin völlig neben sich. In der Erinnerung sieht er noch immer ein 14-jähriges Mädchen. Der Vater ist an Ebola gestorben, die Mutter liegt auf der Isolierstation. Das Mädchen kommt als Besucherin ins Camp, Kratz muss ihr vom Tod der Mutter berichten. "Sie hat eine halbe Stunde lang vor Schmerz und Kummer geschrien", erzählt er.

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