06.02.2004 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Eine 74-Jährige kümmert sich seit Jahrzehnten um ihre zwei schwer behinderten Brüder Wunderbare Welt in Wondreb

Im Küchenschrank hat Margaretha Prandl sie aufgehoben, die zwei "Briefe vom Amt". Darin steht schwarz auf weiß, dass sich der Bundespräsident entschlossen habe, ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande zu verleihen. Die 74-Jährige sitzt da und zuckt mit den Achseln: "Für was ich den Orden bekommen soll, weiß ich nicht."

Margaretha Prandl und ihre Brüder Anton (links) und Michael. (Bild: Piehler)
von Uli Piehler Kontakt Profil

In ihrem kleinem Häuschen am Ortseingang von Wondreb (Kreis Tirschenreuth) sitzt Margaretha Prandl am Küchentisch und liest in den zwei schon ziemlich verknitterten Briefen. "Wahrscheinlich ist es wegen meinen Brüdern", sagt sie. "Ich bin halt immer für sie da." Ihre zwei Brüder, das sind Anton (67) und Michael (73) Prandl, beide von Geburt an geistig behindert. Die Beiden sitzen still auf der Eckbank - wie Zwillinge, die brav ihrer Mutter zuhören. Geschniegelt und gestriegelt, jeder mit weißem Hemd, grünen Cordhosen und Hosenträgern.

Von dem Tag an, an dem ihre Mutter starb, kümmert sich Margaretha um ihre "kleinen Brüder". 23 Jahre ist das nun her. "In der Früh um halb sieben stehen wir auf", erzählt sie. Die beiden müssen gewaschen und rasiert werden. Nachher gibt es Frühstück. "Wenn abgeräumt ist, fange ich zum Kochen an." An die frische Luft gehen Anton und Michael nur ungern. "Manchmal muss ich sie direkt rausscheuchen", sagt Margaretha. Sie schauen dann der Schwester beim Holzmachen oder der der Gartenarbeit zu.

Während Margaretha so erzählt, blättert Anton im Prospekt eines Möbelhauses. "Er schaut sich gerne Bilder an", bestätigt Margaretha. Der ältere Bruder Michael schaut lieber fern. Beim Stichwort Fernsehen schaltet er sich prompt in das Gespräch ein: "Der Fernseh war kaputt". Margaretha - wer sonst - hat sich um einen neuen gekümmert.

Der erste Brief von der Regierung der Oberpfalz kam vor einigen Wochen. Regierungspräsident Wilhelm Weidinger hatte zur Feierstunde nach Regensburg geladen. "Da hab ich gleich gesagt, dass ich nicht kommen kann. Ich kann die zwei doch nicht so lange alleine lassen." In den letzten 23 Jahren war sie nie länger als zweieinhalb Stunden außer Haus.

Zweieinhalb Stunden - das reicht gerade, um im sechs Kilometer entfernten Tirschenreuth die dringendsten Einkäufe zu erledigen. "Nach Tirschenreuth komme ich schon manchmal. Da fahre ich mit dem Bus." Der Regierungspräsident fackelte nicht lange und verlegte die Ordensverleihung eben dorthin. Jetzt flatterte Margaretha Prandl ein zweiter Brief ins Haus: Am Dienstag um 11 Uhr wollen Wilhelm Weidinger und Landrat Karl Haberkorn ihr Lebenswerk im Tirschenreuther Landratsamt würdigen.

Margaretha Prandl ist mit sich und der Welt zufrieden. Auf die Frage hin, was ihr größter Wunsch wäre, überlegt sie lange. "Bei einem Ausflug des VdK wäre ich gerne Mal dabei", sagt sie schließlich. "Aber wer kümmert sich dann um die zwei?"

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