19.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Einsatz von Psychopharmaka in Altenheimen auch eine Folge des Personalmangels Medikamente ersetzen Pflege

von Agentur DPAProfil

Jeder Besucher eines deutschen Pflegeheims kennt die Szene: Viele Bewohner sitzen auf dem Flur, im Aufenthaltsraum, schweigsam, teilnahmslos. Die meisten sind dement. Doch die Stille hat in vielen Fällen einen anderen Grund: Die alten Menschen werden mit Psychopharmaka sediert.

Viele Angehörige werden in den Pflegeheimen Zeugen ebenso rätselhafter wie leidvoller Veränderungen: Beim Einzug ins Pflegeheim sind Vater oder Mutter zwar vergesslich, aber noch aktiv und ansprechbar. Wenige Wochen später sind sie passiv, verwirrt und starren reglos ins Leere. Doch wer die weitschweifigen Prüfberichte der kommunalen Heimaufsichten liest, findet zu dem Thema in aller Regel: nichts. "Das ist ein riesiges schwarzes Loch", sagt Reinhard Leopold, Gründer der Selbsthilfegemeinschaft "Angehörige und Ehrenamtliche in der Heimmitwirkung" in Bremen.

Freiheitsentzug

Der Münchner Heimaufsicht und dem Amtsgericht der Landeshauptstadt ist es zu verdanken, dass nun von Behördenseite ein wenig Licht in das Dunkel kommt. Die Zahlen aus München: 51,3 Prozent der Bewohner bekamen bei einer Stichprobe im Jahr 2011 Psychopharmaka verordnet. Doch das ist nicht alles: Bei der Vergabe der Medikamente wird in vielen Heimen das Gesetz offensichtlich routinemäßig ignoriert. Wenn Medikamente nur verabreicht werden, um einen alten Menschen ruhig zu stellen - ohne dass eine Heilung in Sicht wäre - dann zählt das ebenso wie eine Fesselung ("Fixierung") an Bett oder Stuhl als "freiheitsentziehende Maßnahme" und muss von einem Richter genehmigt werden.Verlässliche landes- oder gar deutschlandweite Studien gibt es nicht. Ähnliches werde aus dem gesamten Bundesgebiet berichtet, heißt es im Gesundheitsministerium in München. Der Gütersloher Gerontopsychiater Bernd Meißnest schätzte im vergangenen Dezember, dass 40 Prozent der Altenheimbewohner in Deutschland Psychopharmaka verabreicht bekommen. "Die Häufigkeit ... lässt mich vermuten, dass das nicht in allen Fällen medizinisch indiziert ist", sagt diplomatisch Dr. Ottilie Randzio, die stellvertretende Geschäftsführerin des Medizinischen Diensts der Krankenkassen. Pflegeinitiativen nennen einen einfachen Grund: Verwirrte Heimbewohner sind oft unruhig, ängstlich oder aggressiv, murmeln vor sich hin, legen sich in fremde Betten, durchwühlen Schränke, schmieren sich mit Exkrementen ein.

25 Minuten pro Person

Für eine gute Pflege fehle in vielen Heimen das Personal, sagt der Pfleger Werner Kollmitz, Gründer der Initiative "Menschenwürde in der Altenpflege". Eine Pflegekraft sei im Schnitt für zwölf Heimbewohner zuständig. Pro Frühschicht blieben "pro Bewohner 25 Minuten für zwei Hauptmahlzeiten, eine Zwischenmahlzeit, Waschen, Toilettengang und so weiter", sagt Kollmitz. "Das Personal kommt nicht mal mit der Grundpflege klar."

Gesundheitsministerin Melanie Huml will nun tätig werden. "Sensibilisierung und Aufklärung von Angehörigen, Ärzten und Pflegepersonen halte ich hier für sehr wichtig."

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