22.01.2011 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Erinnerungen an letzten Luher Weber Melchior Kick - Lange Tradition in Hausnamen lebendig Schiffchen 1935 aus Hand gelegt

In dem Marktflecken Luhe mit einer 1100-jährigen Geschichte plagten sich 1842 neun Weber von früh bis spät, um ihre meist vielköpfigen Familien am Leben zu erhalten. Der letzte seines Standes war Melchior Kick.

von Autor SEFProfil

März 1873 als zweites Kind der Eheleute Johann und Theresia Kick im Haus Nr. 34, der heutigen Bachgasse 3, geboren. Wie der ältere Bruder erlernte er vom Vater das Handwerk. Er wirkte aus gesponnenem Flachs, den ihm die Auftraggeber zur Verfügung stellten, feines Leinen. Als Ellenware wurde es anschließend auf Rollen gewickelt.

Sogenannte Störnäherinnen zogen mit ihren handbetriebenen Nähmaschinen, Bügeleisen und Schnittmusterbögen zur ländlichen Kundschaft. Gegen Kost, Logis und Stoff verarbeiteten sie die Leinen zu Hemden, Kleidern oder Bettbezügen. Auf die Stör gingen auch Schuster, Zimmerer und Sattler.

Unverwüstliche Kleidung

Wenn es gewünscht wurde, fertigte Kick auch Hand- und Kopftücher sowie Tischdecken. Rauere Fasern (Werg) fanden Verwendung für Endlosware, aus denen man Getreide- und Kartoffelsäcke herstellte. Endlosware, die ein ebenfalls in Luhe ansässiger Färber blau tönte, konnte insbesondere die Störnäherin gut gebrauchen, denn ihre unverwüstlichen Hosen, Blusen und Schürzen waren sehr gefragt.
Hatten sie für die Stall- und Feldarbeit ausgedient und waren löchrig geworden, warf man sie noch nicht weg. Aus unbeschädigten Partien wurden Flecken geschnitten und auf die Strumpfsohlen genäht, damit sie länger hielten. Auch die Enden der Tuchballen fanden Verwendung: Mit den daraus gewonnenen Fäden band man bei Hausschlachtungen die Würste ab oder nähte Knöpfe an. Auch als Peitschenschnüre waren sie geeignet.

Eine separate Werkstatt hatte Kick nicht zur Verfügung. Der vom Vater geerbte Handwebstuhl stand in der knapp bemessenen Wohnstube und beanspruchte mit seinen je zwei Metern Höhe, Länge und Breite viel Platz.

Der Weber werkelte von sieben Uhr morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit. Die Arbeit wurde nur von Pausen für das Mittags- und Nachtmahl unterbrochen. Trotzdem reichte das Einkommen hinten und vorne nicht. Nur in Verbindung mit einer bescheidenen Landwirtschaft überlebte die Familie. Weil Kick selbst unabkömmlich war, kümmerten sich Ehefrau Margaretha und die zehn Kinder um Stall- und Feldarbeit.
Die Sprösslinge halfen der Mutter nach der Schule auch im Haushalt und dem Vater beim Weben. Nur mit vereinten Kräften war das nie enden wollende Pensum zu schaffen. Am Sonntag, dem einzigen arbeitsfreien Tag, ging der Handwerker nach der Messe und dem Mittagessen häufig über Land. Mit reichlich Leinen bepackt, besuchte er in den umliegenden Dörfern Kunden. Die Tour führte ihn nach Enzenrieth, Hochdorf, Zeißau, Gleitsmühle, Engleshof, Matzlesberg, Grobmühle, Schwarzberg, Glaubendorf, Rattenberg, Glaubenwies, Seiberts- und Meisthof.

Beruf ohne Zukunft

Im Alter von 62 Jahren ließ Kick 1935 den Webstuhl endgültig ruhen. Damit legte der letzte seines Berufsstandes im Markt das Weberschiffchen aus der Hand. Am 6. Mai 1943 starb Kick, der im Volksmund "Sträußlweber" genannt wurde. Längst hatte die maschinelle Aufbereitung der Textilfasern dem Gewerbe, das bereits aus der Jungsteinzeit stammt, das Wasser abgegraben. Handarbeit war nicht mehr gefragt, weil sie im Vergleich zu den Fabrikerzeugnissen zu teuer war.

An die Luher Weber erinnern noch heute die alten Hausnamen "Weberventl", "Stiglweber", "Weberkarl", "Webschuster", "Weberveitl", "Weberseppl", "Torweber" und eben "Sträußlweber. Erst 1937 wurde das letzte der ursprünglich drei Tore abgerissen. Es hieß Tummel-, Tuml- oder Webertor. Seinen Namen lässt die Gaststätte "Zum Webertor" (Hagler) weiterleben.

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