01.10.2011 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Für die rund 175 Beschäftigten des Eschenbacher Mondi-Werkes gilt erstmals ein Tarifvertrag: Im dritten Anlauf der Durchbruch

Jetzt haben sie geschafft, was viele nicht für möglich gehalten hätten, und können dem Ruhestand getrost entgegen sehen: "Wir haben uns in die Hand versprochen, dass wir erst in Rente gehen, wenn wir einen Haustarif haben. Egal wie und egal wann." Irene Salberg, stellvertretende Geschäftsführerin des Verdi-Bezirks Oberpfalz, schreibt es in erster Linie dem Engagement des Betriebsratsvorsitzenden Werner Neumüller zu, dass für die rund 175 Beschäftigten der Mondi Eschenbach GmbH seit August erstmals ein Tarif in Kraft ist.

von Autor CDProfil

"Das versüßt mir den Abschied aus dem Berufsleben", gesteht Neumüller. Beharrlich hat er gut zehn Jahre das Ziel Tarifvertrag verfolgt. Doch er weiß auch, dass ihn bei den Eingruppierungen noch manche Herausforderung erwartet. Bis zu seinem Ausscheiden Mitte 2012 will er alles geregelt wissen. "Für die meisten wird es eine Höhergruppierung geben."

Seit elf Jahren Betriebsrat

Stehvermögen hatte der heute 64-jährige Verpackungsentwickler schon bewiesen, als es im Jahr 2000 ungeachtet aller juristischen Anfechtungen und Widerstände des Arbeitgebers gelang, in dem damals noch zum österreichischen Konzern Roman Bauernfeind gehörenden Verpackungswerk Eschenbach einen Betriebsrat zu wählen.

Neumüller ist seither Vorsitzender, wurde bald Konzernbetriebsratsvorsitzender und blieb es auch nach der Übernahme durch die Mondi Group. Zur Mondi Corrugated Deutschland gehört außer den Wellpappewerken in Eschenbach und Bad Rappenau die Papierfabrik in Raubling. Zusammen haben diese drei Standorte etwa 500 Mitarbeiter.
Neumüller hatte es immer wieder mit neuen Geschäftsführern zu tun, die laut Salberg "sehr unterschiedlich in ihrer Zugänglichkeit für die Anliegen der Beschäftigten" waren. Im dritten Anlauf gelang schließlich der Durchbruch. Im März 2010 hatte der Verdi-Fachbereich Medien die Geschäftsführung zu Gesprächen über einen Haustarifvertrag aufgefordert.

"Wegen der enormen Spanne zwischen Status quo im Unternehmen und dem Branchentarifvertrag war es schwierig, den Anerkennungs- und Ergänzungstarifvertrag inhaltlich hinzubekommen", begründet die Verdi-Vertreterin die lange Verhandlungsdauer. Ergebnis: Der Flächentarifvertrag für die Papier, Pappe und Kunststoff verarbeitende Industrie wird 1:1 bis August 2012 übernommen. Die Vorteile sieht Werner Neumüller nicht allein in der Rechtssicherheit bei der Bezahlung, einschließlich Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Ganz wichtig ist für ihn auch, dass die Beschäftigten - einzeln oder kollektiv - nicht länger in der Rolle eines Bittstellers sind.

Belegschaft gut organisiert

"Der Arbeitgeber hat gewusst, dass die Belegschaft für ihre Interessen notfalls wieder auf die Straße gehen würde", erinnert Irene Salberg an den Warnstreik vor einigen Jahren bei Mondi Eschenbach. "Der gute Organisationsgrad war unser Druckmittel." Dass er weit über dem Konzern- und Branchendurchschnitt liegt ("Ergebnis jahrelanger Überzeugungsarbeit") sei ebenso wie der Tarifvertrag in erster Linie dem Betriebsratsvorsitzenden zu verdanken: "Ohne ihn wären wir nie so weit gekommen."

Neumüller stellt klar: Bei aller Konfrontation suche er immer das Gespräch. Daher habe er sich auch gegenüber der Gewerkschaft weit aus dem Fenster gelehnt und erklärt: "Am liebsten wäre mir, wenn wir das ohne Streik hinbekommen würden." Irene Salberg gesteht: "Ich habe ihn belächelt, weil ich das nicht geglaubt habe!" Jetzt weiß sie es besser.

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