07.01.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Geplanter Schlosswald-Friedhof am Birkenberg in Stefling: "Man blickt hoch zum Wipfel" "Die Grabpflege übernimmt der Wald"

Es war ein Sekundentod: "Mein Vater ist bei einer Bergtour umgefallen und war tot", erzählt Jürgen Kölbl noch sichtbar betroffen von der Tragödie am 3. Oktober 2011. Auch die Prozedur, die danach kam, ging dem Diplom-Kaufmann viel zu schnell: "Wir mussten an alles gleichzeitig denken, die Beerdigung organisieren, die Kanzlei abwickeln." Erst später erfuhr er von der Mutter: "Eigentlich wollte er unter einem Baum beerdigt werden."

von Jürgen Herda Kontakt Profil

Dieser Moment ist Ausgangspunkt einer sehr persönlichen Projektidee: "Ich habe mir ein Friedwald-Buch gekauft, mich in das Thema eingelesen - und war begeistert." Bilder wurden in seinem Kopf lebendig: "Ich habe bei meiner Tante am Land noch einen anderen Umgang mit dem Tod erlebt", sagt Kölbl. "Die Toten wurden von der Familie gewaschen, im Tod wurde ihnen eine letzte Ehre erwiesen." Der Diplom-Kaufmann beklagt die Verdrängung des Sterbens aus dem geschäftigen Leben: "Der Abschied gehört dazu." Und: "Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich wüsste, ich hätte dem Vater den letzten Wunsch erfüllt."

Kölbl ließ es nicht bei der Trauerarbeit bewenden. Er suchte sich Partner für die Realisierung seiner Idee. Bei Ferdinand Graf von Drechsel rennt er damit offene Türen ein: "Ich hatte selbst schon darüber nachgedacht, aber aus rechtlichen Gründen war das in Bayern vor zwölf Jahren noch nicht möglich." Als Kölbl auf ihn zukam, habe er ein 18 Hektar großes Waldstück seines Sohnes, Carl Graf von Drechsel, vermittelt. Mit dieser Plangröße liegt der Schlosswald-Friedhof am Birkenberg in der Gemarkung Stefling bei Nittenau (Kreis Schwandorf) näher bei den ganz kleinen Naturfriedhöfen mit zwei Hektar als bei den großen von Friedwald oder Ruheforst mit bis zu 120 Hektar wie etwa im Sauerland.
"Es passt in unsere Zeit", sagt der Graf. "Wir haben immer mehr Singlehaushalte, die Leute im Alter zwischen 35 und 50 suchen aktiv nach Gräbern, ohne ihre Nachkommen auf Jahrzehnte zu belasten - die Grabpflege übernimmt der Wald." Eine Naturbestattung habe hier zudem den Vorteil, dass man auf lange Sicht vor der Auflösung des Grabes geschützt ist. "Das ist ein echtes Problem", warnt der Nachfahre von Max Ulrich Graf von Drechsel, Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. "Es verschwinden immer mehr Friedhöfe, wir werden den Wald mit einem Eintrag im Grundbuch auf 99 Jahre sichern."

Dauerhafte Einnahmen

"Von Seiten der Stadt prüfen wir den Antrag ergebnisoffen", sagt Jakob Rester, Geschäftsleiter im Nittenauer Rathaus. "Wir werden die Bevölkerung in den Prozess einbinden." Unbegründete Befürchtungen nach der Behandlung des Themas im Hauptausschuss hätten bereits ausgeräumt werden können. "Je nach Einwendungen kann es vom Aufstellungs- bis zum Satzungsbeschluss ein halbes Jahr dauern", ergänzt Rester, "wenn alles wie am Schnürchen klappt."
"Nach dem Bayerischen Bestattungsgesetz kann nur die Gemeinde Träger eines Friedhofs sein", ergänzt Ordnungsamtsleiter Martin Schöberl. "Wir würden dann die Schlosswald GmbH mit ihrem Geschäftsführer Jürgen Kölbl beauftragen." Ein Nutzungsvertrag mit dem Waldbesitzer würde regeln, in welchem Umfang Infrastruktur geschaffen und aufrechterhalten werden müsse. "Ich bin überzeugt, dass wir das umsetzen können", sagt der Graf. "Das ist so eine schöne Sache, und für die Stadt entstehen keine Kosten, aber dauerhafte Einnahmen." Schließlich sieht das Marketingkonzept der GmbH eine überregionale Nutzung des Friedhofs vor.

"Grundsätzlich kann jeder unabhängig von seinem Wohnort und seinem Glauben hier einen Platz reservieren - wobei es sich um eine Beisetzung, nicht um eine Bestattung handelt." Über Gestaltung und Preise könne man noch nichts Genaues sagen, da dies erst durch eine städtische Satzung geregelt werden müsse. Aber natürlich sieht das Konzept einen gewissen Rahmen vor: "Das Gelände wird mit einer Hecke oder anderen naturnahen Einfriedung als Friedhof kenntlich gemacht", sagt Jürgen Kölbl.
Angedacht sei außerdem ein Kreuz als christliches Symbol. An den Bäumen könnten "zeitlos gestaltete Plaketten" mit den Namen der Bestatteten angebracht werden - die biologisch abbaubaren Urnen würden ins Wurzelwerk der Bäume eingelassen. "Wir haben bisher 50 bis 60 Bäume je Hektar", erklärt der Graf, "im Schnitt können je Baum etwa vier Urnen beigesetzt werden - bei frei stehenden Eichen auch mal bis zu zwölf." Wichtig sei eine gute Mischung des Bestandes: "Wir müssen die jüngeren Teile entwickeln, so dass geeignete Bäume nachwachsen."

Blick hoch zum Wipfel

Und so könnte Jürgen Kölbls Vision schon bald für die Nachkommen anderer Verstorbener Wirklichkeit werden: "Mir gefällt die Vorstellung, dass ein Teil des Verwandten in der Eiche weiterlebt - man blickt auf so einem Friedhof nicht hinunter in ein Grab, sondern hoch zum Wipfel." Ein Stück Himmel ist da schon mal sicher.

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