30.01.2010 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Gesangverein "Lyra" Luhe - Streifzug durch 100 Jahre Kulturpflege: Gründungsphase 1910 bis 1945 Erfolge mit Musik und Theater

Ein Hilfslehrer fühlte sich vor 100 Jahren berufen, mit Gleichgesinnten aus dem Burschenverein 1910 eine Gesangsformation zu gründen. In diesem Jahr feiert der Gesangverein "Lyra" sein rundes Wiegenfest.

von Autor SEFProfil

Wer war dieser 22-jährige Pädagoge, der in der Kaiserzeit diesen Mut hatte? Am 18. März 1888 wurde Anton Haller in Neusath bei Nabburg geboren, wo der gleichnamige Vater laut Geburtsmatrikel als "Herrschaftsjäger" dem Freiherrn Karl Eduard von Lichtenstern diente, während der Großvater das Gut verwaltete. Anton hatte einen berühmten Onkel, der als "Palestrina des 20. Jahrhunderts" in die Geschichte der Kirchenmusik einging: Michael Haller (1840 - 1915), Kanonikus an der Alten Kapelle in Regensburg, schuf herausragende Werke, die auch heute noch von vielen Chören aufgeführt werden.

Anton Hallers Idee fiel in Luhe auf fruchtbaren Boden. 40 Sangesbegeisterte erschienen zur Gründungsversammlung im Gasthof Krone (Herdegen). Sie beriefen unisono den zielstrebigen Junglehrer nicht nur zum ersten Vorsitzenden sondern auch zum Dirigenten der Gemeinschaft. Sie wählte die Lyra als geschichtsträchtigen Namenbestandteil. Dieses altgriechische Saiteninstrument wurde den Göttern Apollo und Dionysos zugeschrieben und von König David meisterhaft gezupft.

Reine Männersache

Laut Statuten konnte "jede unbescholtene Person" Mitglied werden. Bis heute blieb der Gesangverein "Lyra" eine reine Männerangelegenheit. Schon bald war der nach Feuerwehr (1878) Kriegerkameradschaft (1897) und Burschenverein (1907) viertälteste Luher Verein eine feste Größe im kulturellen Leben des Marktes.

Enormer Probenfleiß ermöglichte es den Sängern bald, Festivitäten musikalisch zu bereichern. Als das Repertoire einen beachtlichen Umfang angenommen hatte und auch Theaterstücke zur Kassenaufbesserung inszeniert wurden, sorgte der Kriegsausbruch 1914 für eine abrupte Pause. Viele Mitglieder erhielten ihren Gestellungsbefehl. Georg Siegert, Georg Fleischmann, Xaver Röschl, Georg Biller, Mathias Paulus, Ludwig Stauber und Justin Zanner starben auf den Schlachtfeldern.

Ebenfalls negativ wirkte sich Anton Hallers Einberufung 1915 und Versetzung 1917 nach Schorndorf bei Cham aus. Er unterrichtete von 1934 bis 1953 in Loibling und starb am 27. September 1962 in Cham. Des "Spiritus Rectors" und wichtiger Stimmlagen beraubt, ruhte das Vereinsgeschehen bis Kriegsende.

Schwieriger Neustart

Wenig erfolgversprechend zeigte sich der Neubeginn am 23. Januar 1919. Nicht wie früher 40, sondern nur zwölf Mitglieder wagten sich an die Weiterführung der Aktivitäten. Und wieder übernahm ein junger Lehrer eine führende Rolle: Emmeram Ebenburger, geboren 1891 in Schmidmühlen, engagierte sich als Vorsitzender und Chorleiter. Schon am 10. Februar gestaltete die "Lyra" eine Faschingsfete, die der Pädagoge humorvoll moderierte.

Damit nicht genug: Am 22. März brachte der Verein im Herdegensaal das Singspiel "Der arme Millionär" zur Aufführung. Die Besucher waren dankbar für einige Stunden Ablenkung vom Nachkriegselend.

Wie 1915 wurde auch 1919 dem ehrenamtlichen Einsatz des "Chefs" ein plötzliches Ende bereitet. Die Regierung der Oberpfalz ernannte ihn am 1. Juni zum Volksschullehrer, versetzte ihn zunächst nach Glaubendorf und 1934 nach Amberg.

Bevor sich Tristesse ausbreitete, ergriffen Georg Lingl als neuer Vorstand und Lehrer Albert Besl (1889 in Amberg geboren und seit 1919 in Luhe) als Chorleiter die Zügel. Sie initiierten am 4. Juli eine Wanderung nach Glaubendorf zum überraschten Vorgänger.
Eine Premiere, die bis heute nachwirkt, gab es am 24. Juli 1921: Die "Lyra" lud zu einem Sängerwaldfest auf den Koppelberg ein. Weckruf um war um 5 Uhr. Festzug, Massenchor, Waldkonzert mit Liedereinlagen und Tanz im Gasthaus "Zur Krone" lockten viele Besucher an. "Herrlich waren die Vorträge der Gesangvereine inmitten schöner Lärchenwaldungen. Bei bestem Stoff (Bier) der Herren Herdegen (Krone) und Kiener (roter Ochse) aus den Felsenkellern sowie ff. Bratwürsten verging der Nachmittag nur allzu rasch.", schwärmte der "Weidener Anzeiger".

Im Oktober 1924 bestimmte man den Gasthof Tretter zum neuen Treffpunkt. Dort fanden dienstags und samstags Proben statt. Schneidermeister Martin Drexler wurde zum Vorstand gewählt. Er leitete die "Lyra" bis 1947 und erlebte in diesem langen Zeitraum die Dirigenten Lehrer Wilhelm Kraus (1920 bis 1931), Josef Schuster (1931 bis 1933) und Rudolf Huber (1934 bis 1943).

Im Trettersaal stand das aus Spenden beschaffte Klavier, lagerten Notenblätter und Theaterrequisiten - alles in allem 1500 Mark wert. Der komplette Fundus fiel am 9. August 1928 dem Großbrand zum Opfer. Doch weil die "Landwirtschaftliche Fahrnisversicherung" ihre vertraglichen Verpflichtungen einlöste, gab es bald Ersatz.

Zwangsabgabe

Trotz der Gleichschaltung im Dritten Reich behauptete sich der Gesangverein mit weiteren Auftritten. In der Chronik wird beispielsweise ein Konzert-, Lieder- und Theaterabend am 21. März 1937 erwähnt. Vom Reinerlös mussten 40 Prozent an das "Winterhilfswerk" abgeliefert werden.

Als der Zweite Weltkrieg 1939 ausbrach, kam das kulturelle Wirken der "Lyra" weitgehend zum Erliegen. Zahlreiche Mitglieder wurden zur Wehrmacht einberufen. Ihr Leben verloren Georg Kiesler, Martin Kick, Michael Ziegler, Johann Müller, Felix Forster, August Hirmer, Johann Huber und Georg Biller.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.