Gespräch mit UNHCR-Sprecherin al-Salem über die dramatische Entwicklung in Syrien
Viel Not, wenig Hilfsgelder

Reem al-Salem, UNHCR-Sprecherin für Syrien. Bild: Privat
Gut zwei Jahre nach Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Immer mehr Syrer sind auf Hilfe angewiesen, doch humanitäre Organisationen kommen kaum nach. Reem al-Salem ist die für Syrien zuständige Sprecherin des Flüchtlingskommissariats UNHCR.

Vor welchen Problemen stehen die humanitären Helfer in Syrien?

Al-Salem: Der humanitäre Einsatz wird auf vielen Ebenen immer schwieriger. Der Konflikt wird schlimmer, die Zahl der Flüchtlinge steigt dramatisch. Jeder vierte Syrer ist inzwischen auf der Flucht - etwa vier Millionen im Inland und 1,3 Millionen in den Nachbarländern. Hinzu kommen sehr viele Notleidende, die noch nicht geflohen sind. Die Lage wird außerdem unübersichtlicher. Es gibt viele Konfliktparteien und keine klaren Frontlinien. Hilfskonvois wurden schon beschossen oder beschlagnahmt, obwohl wir schon mehrmals alle Parteien gebeten haben, uns eine sichere Passage zu geben. Außerdem fehlt es uns an Geld.
Mehr als eine Milliarde Euro wurden doch schon bei einer Geberkonferenz in Kuwait gesammelt?

Al-Salem: Vor einem halben Jahr haben sich die Hilfsorganisationen zusammengetan und ihren Bedarf beziffert. Damals schätzten wir die Zahl der Flüchtlinge in Syrien auf zwei Millionen und gingen von zwei Millionen weiteren Menschen aus, die hilfsbedürftig sind. Um diesen Betroffenen sechs Monate helfen zu können, hätten wir 500 Millionen US-Dollar (rund 380 Millionen Euro) gebraucht. Davon kamen inzwischen gerade einmal 20 Prozent an. Und inzwischen hat sich die Zahl der Betroffenen in etwa verdoppelt.

Was muss Ihre Hilfsorganisation in Syrien leisten?

Al-Salem: Wir haben momentan 399 Mitarbeiter vor Ort - die meisten von ihnen sind Syrer. Sie arbeiten in einem schwierigen und gefährlichen Umfeld. Trotzdem haben wir es geschafft, seit Jahresbeginn mehr als 1,1 Millionen Hilfsgüter und -mittel an 440 000 Menschen zu liefern. Und zwar sowohl in Gebieten, die unter Kontrolle der Regierung stehen, als auch in Gegenden, wo die Opposition das Sagen hat. Um das möglich zu machen, reden wir mit allen, mit denen wir reden müssen.
Gleichzeitig setzen wir die Arbeit fort, die wir schon vor dem Konflikt geleistet haben. Syrien gehört zusammen mit Pakistan und dem Iran zu den größten Asylländern der Welt. Dort leben zum Beispiel 70 000 Flüchtlinge aus dem Irak, Afghanistan und Somalia. Nicht vergessen darf man auch die etwa 500 000 Palästinenser, die noch als Flüchtlinge in dem Land sind. Syrien hat diesen Menschen immer geholfen. Es ist an der Zeit, dass die Internationale Gemeinschaft jetzt auch den Syrern hilft.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.