Heillos in ihr Hobby verstrickt: Strickerinnen aus ganz Deutschland treffen sich in Weiden
Alle mit der gleichen Masche

Eine links, eine rechts und bloß keine fallen lassen: "Strickliesln" aus ganz Deutschland trafen sich am Wochenende bei der Weidnerin Marianne Stingl (Bild: uz)
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Deutschland und die Welt
06.09.2004
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Eine links, eine rechts und bloß keine fallen lassen: "Strickliesln" aus ganz Deutschland trafen sich am Wochenende bei der Weidnerin Marianne Stingl (Bild: uz)

Die schwarze Hose ist sexy ums Bein geschnürt, Nase und Unterlippe sind gepierct. Petra Felden könnte gut und gern als Frontfrau einer Heavy-Metal-Band durchgehen. Aber die Pfälzerin liebt es beschaulich. "Pe", wie die Freundinnen die Wattenheimerin nennen, ist der Stricksucht verfallen.

Mit Haut und Haaren. Letztere werden sogar in Strümpfen verwebt. Immer dann, wenn der Gatte oder die Kinder neue Socken bekommen. "Pe" hält es in dieser Hinsicht mit den Ehefrauen früherer Seefahrer. "Die haben auch immer eines ihrer Haare verstrickt. Das sollte ihren Männern Glück bringen und eine gesunde Heimkehr gewährleisten." Petra Felden könne sogar beim Spazierengehen stricken, weiß Marianne Stingl. Das schaffe sie selbst nicht. "Da würde ich glatt umfallen." Dabei ist Marianne Stingl noch eine Spur "verrückter" als die Pfälzerin, was das Stricken angeht.

Die Betreiberin von "Mariannes Opalwolle" bezeichnet sich selbst als "Zwangsstrickerin." Sie könne einfach nicht anders. Jedes Mal, wenn sie in einem Wartenzimmer sitzt, dauert es keine fünf Minuten, bis sie die Nadeln hervorholt. Ihre Marotte geht aber noch weiter: Alle zehn Tage kauft sich die Weidenerin ein "Bayernticket", um sich dann zehn Stunden lang im Zugabteil kreuz und quer durch den Freistaat zu stricken. "Das entspannt."

50 Paar Socken pro Jahr

Ihre Leidenschaft teilt sie mit vielen Gleichgesinnten. Wenn auch bei denen in abgespeckter Form. Am Wochenende traf sich bei Marianne Stingl in der Eichenstraße die deutsche Strickfront. Die Gruppe kommuniziert seit geraumer Zeit über das Internet und trifft sich einmal pro Monat. Während die Gastgeberin stolz berichtet, dass sie es im Jahr auf rund 50 Paar Socken bringe, lächelt Wibke Lamer ob solcher Zahlen nur müde. In ihrem Notizbuch, das sie immer bei sich führt, ist nämlich nachzulesen, dass sie es innerhalb von nur acht Monaten bereits auf 68 Paar gebracht hat.

Zugegeben: Sie habe den ganzen Tag über Zeit. Aber, was erschwerend wirke: "Mein Mann hat Schuhgröße 48." Da stricke man schon einige Zeit hin. Den Gatten Klaus Lamer kümmert die Diskussion nicht. "Ich bin hier der Spinner", sagt er - und lässt mit stoischer Ruhe reine Schafwolle durch die Finger gleiten, die sich auf einer Spindel zu feinen Fäden verspinnt. Die Maschine ist voll automatisiert, und wurde von Lamer selbst entwickelt. Für Gattin Wibke: "Meine Frau leitet in Darmstadt eine Spinn-Gruppe, kann aber das Fußpedal aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr über längere Zeit bedienen."

Zum ersten Mal ist Michael Vorwerk bei einem nationalen Stricktreffen dabei. Der Münchner ist der Mann in der Runde, der eine Nadel führt. Er fühlt sich sichtlich pudelwohl unter den Damen. "Das Stricken hat mir meine Tante gelernt. Damals war ich sechs." "Ich wollte einen Schal für meinen Teddy", sagt der heute 36-Jährige. "Und weil den keiner stricken wollte, musste ich es selber tun." Stolz kramt Vorwerk aus einer Tasche sein "Meisterstück" heraus: eine selbst gestrickte Trachtenjacke. Der Oberbayer überrascht seine Kolleginnen mit seiner Kompetenz. "Ich bin auf allen Nadeln fit."

Es geht ohne Klappern

Wibke Lamer gibt umgehend Nachhilfe in Sachen Nadellehre, erklärt, dass es neben Metallnadeln auch solche aus Holz und Bambus gebe. Persönlich favorisiere sie Bambusnadeln. Weil sie weder klapperten noch Schulterbeschwerden verursachten. "Metall leitet - auch durch den Körper." Nachmittags stößt Wolldesigner Wolfgang Zwerger aus Hechingen zur Gruppe und informiert über "Neuigkeiten von der Sockenfront".