12.11.2004 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Im Grunde seines Herzens ist Jassir Arafat zeit seines Lebens ein Guerillakämpfer geblieben Letzte Ruhestätte in Ramallah

von Alexander Pausch Kontakt Profil

Dort, wo Jassir Arafat Jahrzehnte seines Lebens und seines Kampfes um einen eigenen Staat für die Palästinenser zubrachte, ist er auch gestorben: im Exil, weit entfernt von seiner geliebten Heimat Palästina. Sein Tod in einem französischen Militärkrankenhaus bei Paris zeigt, wie sehr der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde in seinen letzten Jahren auch zu einer tragischen Figur geworden ist.

Abgeschnitten von den großen Auftritten auf der internationalen politischen Bühne, die der Chef der Palästinensischen Befreiungsbewegung (PLO) so sehr liebte, lebte er wie ein Gefangener in der Mukata, seinem Amtssitz in Ramallah im besetzten Westjordanland. Die israelische Regierung hatte ihn im Frühjahr 2002 faktisch unter Hausarrest gestellt.

Zuvor hatte Jassir Arafat die Belagerung durch die israelischen Armee zu einer letzten großen Inszenierung als Widerstandskämpfer genutzt. Er werde als "Schahid", als Märtyrer, sterben, sagte er damals in die Mikrofone. Im schwachen Kerzenschein am Schreibtisch sitzend ließ er sich von Fotografen und Kameramännern aufnehmen. Wohl wissend, dass dies seine Anhänger an eine frühere Belagerung durch israelische Truppen erinnert.

Grüne Fantasie-Uniform

Zwanzig Jahre zuvor hatte die israelische Armee, auf Befehl des israelische Ministerpräsidenten Ariel Scharon, damals noch Verteidigungsminister, den PLO-Chef und seine Kämpfer in Beirut eingeschlossen. Die USA brachten schließlich Arafat und seine Männer in Sicherheit, nach Tunis. Damals muss der Mann mit der grünen Fantasie-Uniform und der schwarz-weißen Keffija begriffen haben, dass ihn nur der politische Dialog mit Israel seinem Traum eines palästinensischen Staates näher bringt.

Seinen Optimismus habe er nie verloren, machte Jassir Arafat vielen Besuchern deutlich. So auch einer Gruppe von deutschen Journalisten, darunter der Autor dieser Zeilen, die ihn vor fünf Jahren in Ramallah trafen. Schon damals waren die Probleme in den besetzten Gebieten unübersehbar. Der Friedensprozess stockte. "Es gibt keinen Zweifel, ich werde dort beten", herrschte er die Besucher an. Diese hatten ihn gefragt, ob er angesichts seines Alters und der damals schon verfahrenen Situation noch die Hoffnung habe, in der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem zu beten.

Mit einer Anekdote machte er den Journalisten klar, dass er am Ende einen unabhängigen palästinensischen Staat erreichen werde. Schon 1982 habe er dem damaligen sowjetische Präsidenten Juri Andropow gesagt: "Ich gehe in mein Land Palästina." Dieser hatte ihn gefragt, wohin er jetzt gehen wolle? "Und hier bin ich", schleuderte er den Besuchern entgegen, um emphatisch hinzuzufügen: "Am Ende des Tunnels ist ein Licht, und ich bin in der Mitte des Lichts."

Dabei trägt auch er daran Schuld, dass die Palästinenser noch heute keinen Staat haben. Arafat ist nie ein Staatsmann geworden. Im Grunde seines Herzens ist er ein Guerillakämpfer geblieben. Sein diktatorischer Führungsstil verhinderte den Aufbau demokratischer Strukturen - eine schwere Hypothek für die Palästinenser. Und hätte er dafür gesorgt, dass die zweite Intifada gewaltfrei bleibt, hätte sein Volk womöglich schon heute die so lange erträumte Unabhängigkeit. Aber Jassir Arafat hatte nicht das Zeug zu einem palästinensischen Ghandi.

Beisetzung in der Mukata

Angesichts des Terrors verloren die Israelis jedes Vertrauen in ihn als Partner. Für sie war er nur mehr ein "Verbrecher und Mörder", der verjagt werden muss. So waren ihm am Ende weder das erträumte Gebet in Jerusalem noch die Beerdigung auf dem Tempelberg vergönnt. Jassir Arafat wird in der Mukata in Ramallah beigesetzt.

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