01.04.2010 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Jesus mit Wunden in Armen der trauernden Mutter - Brunnen aus Pietà seit 70 Jahren versiegt Barocke Vesperbilder am Straßenrand

Wer auf der alten Magdeburger Straße von Wernberg nach Luhe fährt, fühlt sich in das antike Hellas versetzt. Erblickt er doch gleich nach der Ortstafel rechts am Straßenrand ein griechisch anmutendes Flurdenkmal, das offensichtlich von Meisterhand geschaffen wurde.

von Autor SEFProfil

Unter mächtigen Kastanien steht ein Aufbau aus Sandstein. Zwei seitliche Pilaster mit ionischen Kapitellen tragen einen mehrfach gesimsten Aufbau. Sie umrahmen eine muschelförmig geschlossene Bildnische, die eine granitene Pietà birgt und Reste einer blauen Bemalung erkennen lässt.

Begonnen hatte diese religiöse Ausdrucksform bereits im 14. Jahrhundert und wurde Vesperbild genannt. Damals gab es den liturgischen Brauch, am Karfreitag zwischen Kreuzverehrung und Grablegung zur Zeit der Vesper am Abend eine besondere Betrachtung der fünf Wunden Jesu an Händen, Füßen und Seite einzulegen.

Das berühmteste Vesperbild der Christenheit ist im Petersdom zu bewundern. Der 25-jährige Michelangelo übertrug 1498 den Schmerz der trauernden Mutter, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält, in Marmor. Laut Sockelinschrift wurde das Luher Vesperbild 1727 unter Pfarrer Johann Michael Knorr geschaffen. Der vom Kreuz abgenommene, tote Gottessohn auf dem Schoß der Mutter weist eine Besonderheit auf: In seiner Seitenwunde klafft eine Öffnung, aus der bis vor rund 70 Jahren Wasser floss.
Daran konnte sich der verstorbene Kirchenpfleger Georg Kiener noch gut erinnern. Zwar ist das in die Skulptur führende Rohr noch vorhanden, doch hat die vom Koppelberg führende Leitung keine Funktion mehr, könnte aber vermutlich in Stand gesetzt werden.

Blut und Wasser

Beim Einbau erinnerte sich der unbekannte Künstler wohl an eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium. "Als sie zu Jesus kamen, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern ein Soldat stieß mit der Lanze in seine Seite. Sogleich flossen Blut und Wasser heraus."

Eine zweite Pietà aus der Mitte des 17. Jahrhunderts findet sich über dem Altar der benachbarten Marienkapelle. Sie besteht aus Holz, ist farbig gefasst und wurde früher von verschlungenen Ranken und Bändern eingerahmt. Vor ihr soll sich einst ein Heilungswunder ereignet haben.

In der nahen Ortschaft Feistelberg hatte sich ein Kind mit ungelöschtem Kalk die Augen so geschädigt, dass der Luher Bader trotz aller Bemühungen nichts mehr ausrichten konnte. Auf dem Heimweg betrat die Mutter mit dem blinden Sprössling die Kapelle und klagte Maria voller Verzweiflung ihr Leid. Plötzlich zeigte das Kind auf die Figurengruppe und fragte: "Wen hält die Frau da auf ihrem Schoß?" Es hatte auf wundersame Weise die Sehkraft wieder erlangt.

Sturm beschädigt Kapelle

Im Mai 1856 beschädigte ein Sturm das 1711 errichtete Kirchlein. Den Nachfolgebau führte man 1864 im neugotischen Stil aus und setzte ihn um etwa zwei Meter hinter den Straßenrand zurück. Die Kosten brachte die Gemeinde auf, ohne das Kirchenvermögen in Anspruch zu nehmen.

Zur weiteren Ausschmückung ließ Pfarrer Johann Nepomuk Nurtsch die spätgotischen Figuren St. Emmeram und St. Wolfgang aus der Nikolauskirche am Koppelberg hierher bringen und zu beiden Seiten der Pietà platzieren. Um sie vor Diebstahl zu schützen, stehen die wertvollen Skulpturen seit geraumer Zeit in der Martinskirche.

Als die Flammen beim großen Brand 1928 auch die Pfarrkirche bedrohten, brachte Pfarrer Josef Kellner das Allerheiligste in die Marienkapelle, die eigentlich der "Schmerzhaften Muttergottes" geweiht ist. Bei der Renovierung 1955 wurde der damals nicht mehr geschätzte neugotische Dekor entfernt und die farbenprächtige Ausmalung übertüncht. Um das kleine Gotteshaus am Straßenrand und die beiden Pietàs kümmert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich Christian Hösl.

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