03.09.2011 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kinder in der Kirche - Geheimnisvolle Geschichte einer außergewöhnlichen Monstranz Mit einer Zunge aus Wachs

Die baufällige Nikolai-Kapelle auf dem Koppelberg bei Luhe wurde 1696 abgebrochen und in erweiterter Form neu errichtet. Über dem granitenen Westportal ist dieses Baudatum verewigt. Genau 300 Jahre später machte sich die Klasse 4 b der Volksschule Luhe-Wildenau auf, um die barocke Wallfahrtskirche zu erkunden. Außer dem Hochaltar, der Sankt Nikolaus geweiht ist und mehrere Legenden über sein wundersames Wirken "erzählt", interessierte die Kinder vor allem der nördliche Seitenaltar.

von Autor SEFProfil

Karl Weiß berichtete ihnen von einem tragischen Ereignis aus dem Jahr 1393, das auf dem Gemälde von 1750 in Szene gesetzt wurde. Dann lenkte er die Aufmerksamkeit der Schüler auf eine goldene Monstranz, in deren ovalem Glaskörper sie keine Hostie, sondern eine wächserne Zunge auf blauem Stoff sahen. Welche Geheimnisse verbargen sich hinter dem Altarblatt und dem merkwürdigen Inhalt des zirka 30 Zentimeter großen, durch Akanthusranken geschmückten Ostentoriums aus Holz?

Wenzel IV. (1361 - 1419) wurde bereits im zarten Alter von zwei Jahren zum König von Böhmen und als 15-Jähriger zum Römischen König gekrönt. Schon 1370 vermählte ihn der kaiserliche Vater Karl IV. mit der 14-jährigen Johanna, Tochter des niederbayerischen Herzogs Albrecht I. aus dem Hause Wittelsbach. Nach dem frühen Tod seiner Angetrauten am 31. Dezember 1386 ehelichte der Witwer 1389 Sophie, Tochter Herzog Johanns II. aus der Linie Bayern-München. Der anfangs als begabt, gerechtigkeitsliebend und sparsam erlebte Regent gab sich bald dem Alkohol hin, verfiel dem Einfluss häufig wechselnder Ratgeber und wich überfälligen Entscheidungen aus. Hinzu kamen wachsende Spannungen mit dem Prager Erzbischof Johannes von Jenzenstein. Der ehedem engste Freund des Herrschers und Hofkanzler verbat sich entschieden Einmischungen in kirchliche Angelegenheiten. Er war es auch, der - wie 1376 sein Vorgänger - 1383 der Kapelle St. Nicolai einen Ablass verliehen hatte. In die Auseinandersetzungen um die verwaiste Abtei Kladrau geriet auch der ca. 1350 im südböhmischen Pomuk geborene Archidiakon und erzbischöfliche Generalvikar Johannes.

In die Moldau

Der promovierte Kanoniker des Metropolitankapitels wurde am 20. März 1393 auf Geheiß des Königs peinlich verhört, durch ihn persönlich grausam gefoltert und über die Karlsbrücke in die Moldau geworfen. (Darstellung auf dem Altarbild in der Nikolauskirche Luhe!)

Mit diesem Justizmord überschritt Wenzel die bisher respektierte Toleranzschwelle: Schließlich entzogen vier der sieben Kurfürsten dem unwürdigen Nachfolger Karls IV. am 4. Juni 1400 die Königswürde. Der Leichnam des Johannes von Nepomuk wurde geborgen und im Veitsdom auf dem Hradschin bestattet. In der Folgezeit besuchten viele Pilger das Grab und die Verehrung des Märtyrers wuchs weit über die Grenzen Böhmens hinaus. Heiliggesprochen wurde er dennoch erst 1729 von Papst Benedikt III., der das Fest auf den 16. Mai verlegte. Danach wurden auch in unserem Raum viele Johannes-Nepomuk-Bruderschaften gegründet und dem Tyrannenopfer unzählige Bildnisse, Altäre und Kirchen geweiht.
Um eine Heiligendarstellung zu kennzeichnen, führte man ab dem 13. Jahrhundert individuelle Attribute, zum Beispiel typische Kleidung oder Gegenstände, ein. Sie veranschaulichten den Stand des Heiligen oder sein Wirken und erinnerten an Ereignisse beziehungsweise legendäre Besonderheiten. Zum ikonographischen Typus für die wahre Flut gemalter, geschnitzter und gemeißelter Darstellungen des Johannes von Nepomuk avancierte das 1683 errichtete Bronzestandbild von Matthias Rauchmüller auf der Prager Karlsbrücke, dessen Sockel mit der Illustration des Martyriums heute noch fast jeder Tourist berührt.

Die berühmte Statue prägte das Erscheinungsbild der Figuren, die man vielerorts zur Andacht aufstellte. Besonders gern wählte man zu diesem Zweck Brücken, wie am 5. September 2011 die Luhe-Brücke im Markt Luhe-Wildenau.

Fast ein halbes Jahrhundert vor der Kanonisierung wurde mit der Prager Skulptur die gültige Ausdrucksform gefunden, legte man mit Kanonikertracht (Soutane, Chorrock, Almutia und Birett), Kreuz und Märtyrerpalme deren Attribute fest. Der Sternenkranz um das Haupt, der Johannes als einzigen Heiligen neben der Muttergottes umschwebt, wurde erst später hinzugefügt: Nach der Überlieferung zeigten Sterne den in der Moldau treibenden Leichnam an. Meist sind es fünf, die das lateinische *t*a*c*u*i (= Ich habe geschwiegen) symbolisieren.

Welche Verschwiegenheit?

Als Grund für die Grausamkeit des Königs gibt eine Legende an, dass Nepomuk Beichtvater der königlichen Gemahlin Sophie war. Wenzel wollte von ihm Aussagen seiner Frau wissen. Doch der standhafte Priester berief sich auf die Unverletzlichkeit des Beichtgeheimnisses. Als 1719 das Grab in der Kathedrale geöffnet wurde, stellte man tatsächlich Folterspuren an den Gebeinen fest.

Außerdem konstatierten die anwesenden Ärzte, dass die Zunge des Märtyrers unverwest geblieben war, was als Beweis für die Verschwiegenheit des Generalvikars gedeutet wurde. Die Reliquie fand Platz in einer kostbaren Monstranz der Schatzkammer des Veitsdoms. Nach ihrem Vorbild ist das Schaugefäß in der Luher Nikolauskirche gestaltet. Es zeigt eine Zungennachbildung aus Wachs.

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