06.02.2004 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

"Kirwa-Hype" haucht flachem Land Leben ein 100 Kirchweihen als Standortfaktor

Die Kirwaburschen und -moidln des 19. Jahrhunderts trieben es dem König ein bisschen zu bunt. Fast jedes Wochenende feierten sie an einem anderen Ort "Kirwa" - oft dauerte sie von Donnerstag bis Mittwoch.

von Uli Piehler Kontakt Profil

König Maximilian I. wollte dem Kirwatreiben im Jahr 1814 ein Ende setzen. Fürderhin sollte es nur mehr einen zentralen Kirchweihtag geben: den dritten Sonntag im Oktober, die "Allerweltskirchweih". Doch vergebens: Im nordbayerischen Raum hat sich die Vorschrift nie ganz durchgesetzt. Die Oberpfälzer und die Franken feierten ihre Kirchweihen weiterhin das ganze Jahr über und so lange, wie es ihnen gefiel. Besonders im Landkreis Amberg-Sulzbach hat sich das Kirchweihbrauchtum hartnäckig gehalten und mit Beginn des 21. Jahrhundert erlebt es einen "Hype".

Wie nirgendwo anders in Bayern wird zwischen Naab und der Frankenalb das Kirchweihbrauchtum mit Baumaufstellen, Austanzen und Schnodahüpflsingen zelebriert und zwar nicht von organisierten Trachtlern oder Brauchtumsgurus, sondern von tausenden "ganz normalen" Jugendlichen. Von April bis November feiern schätzungsweise mehr als 4000 "Kirwaburschen und -moidln" in über 100 Orten des Landkreises Amberg-Sulzbach Kirwa - ein Standortfaktor, von dem andere Regionen träumen.

Während im Osten Deutschlands über 67 Prozent der Jugendlichen ihre Heimat verlassen wollen (Studie der Humboldt-Universität Berlin, 2002), weil sie sich mit ihr nicht identifizieren können, bleibt die Jugend im Landkreis Amberg-Sulzbach ihrer Region treu. Die Bevölkerung im Amberger Raum nahm in den letzten Jahren beständig zu und ist im bayernweiten Vergleich überdurchschnittlich jung (Statistisches Jahrbuch, 2002).

Wen wundert's: Die 100 Kirchweihen im Landkreis Amberg-Sulzbach sind genauer besehen ein einziges Kulturprogramm. Vom Nikolausdienst über das Fußballturnier bis zum Johannisfeuer - die Kirchweihen sind vor allem für die kleinen Dörfer Dreh- und Angelpunkt des öffentlichen Lebens - und nicht selten einzige Einnahmequelle. Wenn 5000 Menschen einen 50-Seelen-Ort besuchen, dort essen, trinken und vielleicht sogar übernachten, springt schon Mal die Sanierung der Dorfkapelle heraus.

Die "harten Fakten" um Erlöse und soziologische Bedeutung sind den feiernden Jugendlichen ziemlich egal. "Für mich bedeutet Kirwa Spaß, Fun und Action", sagt die 17-jährige Michaela Herbst aus Sulzbach-Rosenberg. Für sie gibt es "nichts cooleres", als zusammen mit zahllosen anderen Jugendlichen "vier Tage durchzufeiern". Was wohl König Max dazu sagen würde?

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