19.11.2012 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Klimawandel zwingt Holländer zum Umdenken Nimwegen baut eine Insel

Eine Computersimmulation zeigt den Verlauf des Flusses Waal bei Nimwegen, Niederlande, so wie er nach einem Umbau fließen könnte. «Raum für den Fluss» heißt das Programm der niederländischen Regierung mit dem auf den ansteigenden Meeresspiegel reagiert werden soll.   Foto:Ruimte voor de Rivier/dpa  
von Redaktion OnetzProfil

Nimwegen (dpa) William Köster wohnt traumhaft. Von seinem Wohnzimmer aus blickt er auf Weideland, den breiten Fluss namens Waal
und die alte Stadt Nimwegen. «Bald ist hier alles Wasser», sagt der 28-Jährige und zeigt auf das alte mit Reet gedeckte Haus und den idyllischen Garten. «Das wird alles abgerissen.» Seine Nachbarn haben ihre stattliche Villa bereits verlassen. Auch William muss Platz machen für das größte Wasserschutzprogramm Europas.

«Raum für den Fluss» heißt das Programm der niederländischen Regierung. An rund 30 Stellen wird die Landschaft für rund 2,3 Milliarden Euro radikal verändert, um bis zu vier Millionen Menschen vor den anschwellenden Flüssen zu schützen. Das Programm «Raum für den Fluss» setzt auch intensiv auf die Zusammenarbeit mit anderen bedrohten europäischen Städten, wie etwa Mainz oder das französische Orléans.

In Nimwegen nahe der deutschen Grenze sind jetzt die großen Schaufelbagger startklar zu der Operation, die die älteste Stadt des Landes drastisch verändern wird. Die Waal wird nicht länger um die Stadt fließen, sondern sie durchschneiden. Mitten im Fluss entsteht eine Insel.

«Der Klimawandel zwingt uns dazu», sagt der Direktor des Programms, Ingwer de Boer. Spätestens 1995 wurde klar, dass die Niederlande nicht nur durch den steigenden Meeresspiegel im Westen bedroht werden, sondern auch durch die anschwellenden Flüsse im Osten. Bei der Flutkatastrophe von 1995 zeigte sich gerade die Gefahr für das gut 2000 Jahre alte Nimwegen. Dort macht der Fluss eine scharfe Biegung. «Ein Nadelöhr für die Wassermassen», erläutert De Boer.

Rund 250 000 Menschen und eine Million Kühe, Schweine und Schafe
mussten damals in Sicherheit gebracht werden. Durch heftige Regenfälle und schmelzenden Schnee stürzten die Wassermassen über den Rhein in die Waal. Würden die Deiche halten? Das war tagelang die bange Frage. Sie hielten und die Stadt entkam knapp einer Katastrophe.

«Die Deiche zu erhöhen, war keine Option», sagt de Boer. Dadurch
würden die Wassermassen auf dem Hinterland gestaut. Umweltschäden und Vernichtung von Ackerland wären die Folgen. «Wir müssen dem Fluss
mehr Raum geben», sagt der Direktor. 15 000 Kubikmeter Wasser pro
Sekunde können Fluss und Deichvorland jetzt auffangen. Doch nach den
Prognosen der Klimaforscher sollte Platz sein für 16 000.

Die Ingenieure werden zunächst den bisherigen Deich um 350 Meter nach Norden verlegen und um etwa einen Meter auf 16,50 Meter über dem Meeresspiegel erhöhen. Dann wird in der Biegung der Waal ein Seitenarm angelegt. Zwischen dem ursprünglichen Fluss und diesem Bypass entsteht eine Insel: komplett mit Wohnungen und einem Naherholungsgebiet für Wassersportler und Festivals.

«2015 liegt Nimwegen nicht länger mit dem Rücken zur Waal, sondern wird den Fluss umarmen», sagt der Beigeordnete der Stadt, Jan van der
Meer. Doch der Widerstand der Bürger war groß, erinnert er sich. «Das
waren sehr emotionale Gespräche.»

Die Bürger mussten umdenken. Denn das Programm ist für die Niederlande eine Revolution. Seit mehr als 400 Jahren kämpfen sie gegen das Wasser. Gut ein Drittel des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. Nur mit einem ausgeklügelten System von Dämmen, Deichen, Kanälen, Pumpen und Mühlen behalten sie trockene Füße. «Wenn wir nicht pumpen, dann sind 50 Prozent der Bürger bedroht», sagt der Direktor des Programms, de Boer.

Mit «Raum für den Fluss» sind die Niederländer international Vorreiter. Delegationen aus der ganzen Welt reisen an die Waal. «Wir zeigen, dass der Klimawandel auch eine Chance für die Stadtentwicklung ist», sagt der Kommunalpolitiker Van der Meer stolz. Regierung, Kommune, Wasserbauingenieure, Umweltorganisationen und Bürgern entwickelten den Plan gemeinsam. «Jetzt sind alle stolz, dass wir bald eine eigene Insel bekommen», sagt er. Neue Brücken werden die alte Stadt mit der Insel und dem anderen Ufer verbinden. Dort entsteht ein neues Wohngebiet.

Dafür aber müssen rund 200 Familien umgesiedelt werden. «Das ist
bitter», sagt der junge William Köster und schaut wehmütig auf sein
idyllisches Häuschen. «Aber wir haben keine Wahl.»

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