25.09.2009 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

"Kohlberger Bande" setzt Luher Gendarmen gehörig zu - Überfall auf Taxifahrer Verlies neben Bank und Kanzlei

Die königlich bayerische Gendarmerie-Station Luhe wurde 1884 gegründet und im sogenannten "Kollerhaus" untergebracht. Später siedelte sie in das "Meißnerhaus" am heutigen Marktplatz 17 über. Dort blieb sie mit den Wohnungen der Beamten bis 1961. Derzeit bieten darin ein Gemischtwarenladen samt Postagentur und ein Friseurgeschäft ihre Waren und Dienstleistungen an.

von Autor SEFProfil

Außen prangte eine Tafel "Gendarmerie-Station". Bei Bedarf konnte eine Glocke gezogen werden. Gemeinsam mit seinen Kollegen hatte ein Gendarm einen festgelegten Bezirk zu überwachen und für Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu sorgen.

Der Aufsichtsbezirk der Luher Gendarmen war in Dienstgänge eingeteilt, die in der Regel zu Fuß zurückgelegt wurden. Route eins war die größte und weiteste. Sie beanspruchte etwa vier Stunden, verlief über Grünau, Neudorf, Neuersdorf, Holzhammer und wieder nach Luhe zurück. Eine Zeitlang gehörte auch Rothenstadt zum Amtsbereich.

Ansonsten erstreckten sich die einzelnen Dienstgänge auf die Ortschaften Unter- und Oberwildenau, Schwanhof, Forsthof, Gelpertsricht, Neumaierhof, Au, Pischeldorf, Meisthof, Seibertshof, Engleshof, Enzenrieth, Hochdorf, Zeissau, Matzlesberg, Rattenberg, Gröbmühle und Glaubenwies.

Unangemeldete Besucher

Der Gendarmerie-Posten Luhe war eine Zeit lang mit einem Oberwachtmeister und mehreren Wachtmeistern besetzt. Aus Neustadt erschien einmal im Monat unangemeldet ein Vorgesetzter zur Visitation. Im Dritten Reich war für kurze Zeit ein SA-Mann zur Aufsicht zugeteilt.
Während der Dienstgänge meldete sich der Gendarm beim jeweiligen Bürgermeister oder Ortssprecher, erkundigte sich nach Vorkommnissen und nahm Anzeigen auf. Etwa einmal im Monat gingen zwei Beamte gemeinsam auf Nachtpatrouille von 22 bis etwa 3 Uhr. Dabei überprüften sie vor allem die Einhaltung der Sperrstunde in den Wirtshäusern. Eine wesentliche Erleichterung bedeutete es, als Pferde, Fahrräder und Motorräder zum Einsatz kamen.

Wurde ein Dieb oder anderer Gauner aufgegriffen, so brachte man ihn in die Arrestzelle. Das war ein kleiner Raum mit einem vergitterten Fensterchen. Dort musste der Festgenommene während der Nacht "gesiebte Luft" atmen, bis ihn am nächsten Morgen ein Gendarm ins Weidener Untersuchungsgefängnis überstellte. Dieses finstere Verlies lag ehedem zwischen heutiger Raiffeisenbank und Gemeindekanzlei.

Kinder erinnern sich

Die 2008 im Alter von 93 Jahren gestorbene Rosa Franz war die Tochter des Luher Gendarmen Johann Hermann. Ebenso wie Bernhard Baron und Georg Kiener erinnerte sie sich noch lange an einige spektakuläre Einsätze der Luher Gendarmen.
Als sich 1927 zwischen Luhe und Grünau ein schweres Eisenbahnunglück ereignete, waren die Luher Gendarmen schon rein zahlenmäßig überfordert. Deshalb erhielten sie Verstärkung von den umliegenden Stationen.

Station mit Akten verbrannt

Das war auch bei der Brandkatastrophe 1928 der Fall. Gendarm Hermann war gerade auf Dienstgang und etwa zwei Kilometer von Luhe entfernt. Als er den Ort erreicht hatte, standen mehrere Häuser, darunter auch das der Gendarmeriestation, in Flammen. Der Brandherd konnte wegen der großen Hitze überhaupt nicht bekämpft werden. Man musste sich auf das Eindämmen des Feuers beschränken. Deshalb war es nicht möglich, das Mobiliar des Dienstzimmers und die Akten in Sicherheit zu bringen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trieb die "Kohlberger Bande" auch im Luher Bereich ihr Unwesen. Im Juni 1946 entwendeten sie einem Bauern in Neumaierhof ein Schwein, schlachteten es an Ort und Stelle und nahmen das Fleisch mit. Den gleichen schweren Diebstahl versuchten sie einige Wochen später im Nachbarhof. Der Bauer überraschte die Täter. Beherzte Männer verfolgten die Flüchtenden so lange, bis diese auf die Verfolger schossen. 1947 waren die Banditen so dreist, dass die Bauernhöfe reihum von den Luher Gendarmen bewacht wurden.

Wolperer im Wald

Eine andere Erinnerung bezog sich auf eine Walpurgisnacht, in der die Gendarmen Alfons Baron und Josef Kappert auf dem Weg nach Unterwildenau in der Dunkelheit merkwürdige Geräusche wahrnahmen. "Stehen bleiben oder wir schießen!", hieß ihr Kommando. Vor Schreck ließen die Wolperer Farbkübel fallen und stotterten: "Wir sind doch nur die Kalkgießer von Unterwildenau."

Wegen der ausgedehnten Wälder hatte es die Gendarmerie-Station Luhe in dieser kritischen Zeit auch mit Wilderern zu tun. Nächtelang lagen die Beamten auf der Lauer oder pirschten im Gelände umher. Doch auf frischer Tat erwischten sie keinen der Wilddiebe.

Einmal mussten die Luher Gendarmen bei einem Kapitalverbrechen eingreifen, als am 9. Dezember 1951 Taxifahrer Hofmann aus Weiden an der Silberbachbrücke unweit der Naabmühle überfallen und angeschossen wurde. Einige Tage später erlag er seinen Verletzungen. Für die heimischen Beamten war es damals oberstes Gebot, Erste Hilfe zu leisten und die letztlich erfolgreichen Fahndungsmaßnahmen der Kriminalaußenstelle Neustadt zu unterstützen.
Die Verkehrsunfälle bewegten sich lange im Rahmen des Erträglichen, obwohl auf der Bundesstraße 15 für damalige Verhältnisse bereits lebhafter Verkehr herrschte. Zwei schwere Unfälle, bei denen je ein Menschenleben zu beklagen war, ereigneten sich in den Jahren 1948 und 1950.

Theodor Heuss im Auto

Am 9. Juli 1959 besuchte Bundespräsident Theodor Heuss die Luisenburg-Festspiele. Auf dem Weg nach Wunsiedel passierte er auch den Markt Luhe. Beflissen stand Gendarm Alfons Baron vor dem Dienstgebäude und salutierte dem Staatsoberhaupt. Das war ihm von den Kollegen aus Wernberg telefonisch angekündigt worden.

Die ersten Luher Ordnungshüter im Jahr 1884 waren Postenkommandant Weiß und Sergeant Übelmesser, die letzten 1961 Alfons Baron, Richard Bruckner und Josef Kappert. Zwischenzeitlich betätigten sich unter anderem die Gendarmen Betz, Ederer, Hackl, Hecht, Hermann, Hofmeister, Karl, Landgraf, Leitner, Neuppert, Schärtl, Schwarzmeier und Sommer.

Respektspersonen


Drei Luher Gendarmen fanden auf dem örtlichen Friedhof ihre letzte Ruhestätte, nämlich Johann Ederer, Johann Hermann und Josef Hofmeister. Wie Pfarrer, Bürgermeister und Lehrer gehörten die Polizisten zu den Respektspersonen des Marktes und waren angesehene Vereinsmitglieder. Alfons Baron saß sogar im Vorstand des Katholischen Männervereins.

77 Jahre sorgte die Luher Gendarmerie-Station für Recht und Ordnung. Am 29. Mai 1961 wurde sie aufgelöst und in die Inspektion Neustadt eingegliedert. Später kam der Markt Luhe-Wildenau zur Inspektion Vohenstrauß, kehrte aber 2007 nach Neustadt zurück.

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