22.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Lage in Ferguson beruhigt sich allmählich - US-Polizisten als schießwütig in der Kritik Offene Fragen nach den Schüssen

Nach einwöchigen Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten wegen der tödlichen Schüsse auf den schwarzen Jugendlichen Michael Brown hat die US-Kleinstadt Ferguson (Missouri) eine friedliche Nacht erlebt. Nach der Beruhigung der Proteste hat der Gouverneur des US-Bundesstaates Missouri die Nationalgarde aus der Kleinstadt abgezogen.

"Ich liebe Ferguson" steht auf dem Schild neben den Jugendlichen. In der US-Stadt herrschen nach den Krawallen wieder gemäßigte Töne vor. Unklar ist, was mit dem Polizisten geschieht, der Michael Brown getötet hat. Bild: dpa
von Agentur DPAProfil

Die Lage habe sich "stark verbessert", teilte Jay Nixon am Donnerstag mit. Bei Protesten in der Nacht zum Donnerstag kam es lediglich zu sechs Festnahmen wegen kleinerer Vergehen, sagte Polizeioffizier Ron Johnson. Die Diskussion über die Brutalität der amerikanischen Polizei geht allerdings weiter.

Bei den abendlichen Märschen in Ferguson sind mittlerweile fast mehr Reporter unterwegs als Demonstranten. Die Polizei hofft, dass die Ruhe von Dauer ist. Unterdessen nahm eine zwölfköpfige Geschworenenjury die Beratungen darüber auf, ob ein Verfahren gegen den Todesschützen Darren Wilson eröffnet wird. Die Entscheidung könnte sich Wochen hinziehen.

Katastrophale PR

Für die Polizei in Ferguson ist das ganze ein PR-Desaster. Nicht nur die Todesschüsse auf den unbewaffneten Teenager Michael Brown haben die Truppe der Kleinstadt in Verruf gebracht. Was danach folgte, verschlechterte ihr Ansehen weiter: Mit Gummigeschossen, Tränengas und Rauchbomben gegen Demonstranten vorzugehen und mit Sturmgewehren auf sie zu zielen, das sieht in der selbsterklärten Vorreiternation für Meinungsfreiheit schlecht aus. Journalisten zu behindern und stundenlang hinter Gitter zu sperren, kratzt am Image des "Freund und Helfers".

Vor allem wirft das Geschehen die Frage auf, ob der Vorort von St. Louis sinnbildlich ist für den Rest des Landes. Greifen Polizisten in den USA unverhältnismäßig hart durch? Bürgerrechtsgruppen haben durchaus den Eindruck, dass etwas im Argen liegt bei der Strafverfolgung in Amerika. Sie beklagen die Polizeigewalt vor allem gegen Randgruppen. Schwarze würden unverhältnismäßig oft verhaftet, Latinos - weil sie illegale Einwanderer sein könnten - zu oft für Personenkontrollen gestoppt.

Verlässliche Zahlen gibt es kaum. Nach einer Hochrechnung der "USA Today" mit Daten der Bundespolizei FBI ist es in 25 Prozent der Fälle tödlicher Polizeigewalt so, dass ein weißer Cop einen Afroamerikaner erschoss. Doch die Statistik ist löchrig: Im ganzen Land gibt es rund 17 000 Polizeibehörden mit unterschiedlichen Zuständigkeiten. Die allermeisten geben keine Daten an die Bundesbehörden weiter. Überblickswissen ist Mangelware. Laut einer Studie des John Jay College für Kriminologie in New York hat es selten Konsequenzen, wenn ein Polizist einen unbewaffneten Afroamerikaner erschießt. In 21 untersuchten Fällen zwischen 1994 und 2009 sei es sieben Mal zu einer Anklage gekommen - ob wegen fahrlässiger Tötung, der Behinderung der Justiz oder dem Bruch von Bürgerrechten. In drei Fällen wurden die Beamten schuldig gesprochen.

Viele Bürger verteidigen die Gesetzeshüter. "Kein Polizist geht auf die Straße, um jemanden zu erschießen, sei es eine bewaffnete oder unbewaffnete Person", schrieb der Professor für Heimatschutz an der Colorado Tech University, Sunil Dutta, kürzlich in der "Washington Post". "In der überwältigenden Zahl der Fälle können nicht die Polizisten verhindern, dass eine Verhaftung in einer Tragödie endet, sondern die Menschen, die angehalten werden."

Michael Bell - ein Weißer - sieht das ganz anders. Er verlor vor zehn Jahren seinen Sohn. Ein Polizist erschoss ihn bei einer Verkehrskontrolle. Der Beamte sei mit seiner Pistole an einem kaputten Außenspiegel des Wagens hängengeblieben. Er dachte, der junge Mann würde nach seiner Waffe greifen - und erschoss ihn.

Reingewaschene Beamte

Es habe nur 48 Stunden gedauert, schrieb Bell im Magazin "Politico", bis die Behörden sich ohne Zeugenbefragung und Beweisaufnahme vollständig von der Tat reingewaschen hätten - es gab keine Anklage, keinen Prozess, keine Strafversetzung für den Beamten.

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