06.05.2009 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Lehrer aus Berufung, Fußball-Reporter aus Leidenschaft: Die "Stimme Frankens" über ...: "Wir rufen Günther Koch"

"Frankens Stimme": Mit dem Mikro in der Hand und den Augen auf dem Spielfeld - so fühlt sich Günther Koch am wohlsten. Im Gespräch mit unserer Zeitung wurde schnell klar: Sein Herz schlägt für den Club und den FC Bayern. Bild: Thomas Schaller
von Josef Maier Kontakt Profil

Ein Mannsbild weinte. "Ich habe draußen im Auto geheult." Günther Koch war fix und fertig. Gerade hatte der Radioreporter wieder einmal einen Abgesang auf seinen Club gehalten, dann floh er aus dem Nürnberger Stadion, die Enttäuschung übermannte ihn. Der 29. Mai 1999, einer der schwärzesten Tage in der Geschichte des Clubs, der schon so viele schwarze Tage erlebt hat. Die Franken waren nach dem unfassbaren 1:2 gegen Freiburg am letzten Spieltag doch noch abgestiegen, obwohl sie gesichert schienen.

Günther Koch und der 1. FC Nürnberg, das ist eine Herzensangelegenheit. "Anfangs habe ich mich gegen diese Liebe gewehrt, als Reporter muss man neutral sein", erzählt der Franke. "Man hat meinen Reportagen aber nie angemerkt, dass ich Club-Fan bin", betont er. Und bei ihm ist es sowieso wie bei vielen anderen: Mit dem, was man liebt, geht man besonders kritisch um.

Anfangs schlug sein Herz nur für einen anderen Verein: den FC Bayern. In Posen geboren, kam das "Kriegskind", wie Koch sich nennt, mit seiner Familie nach Traunstein. Dort im Oberbayerischen war man natürlich Bayern-Fan. Er ging nach München, um Lehramt zu studieren. Deutsch, Englisch und evangelische Religionslehre war seine Fächerkombination. Als er später, Anfang der 70er Jahre, als Lehrer einen Auslandsaufenthalt in London verbrachte, hörte er die BBC-Leute bei ihren großen Fußballreportagen. Nach der Rückkehr nach Deutschland träumte auch Koch von einer Karriere am Mikrofon. Und so schrieb er forsch an den Bayerischen Rundfunk.
Noch heute, mit seinen mittlerweile 67 Jahren, sitzt er in den Stadien dieser Republik und beschreibt Spielzüge, tadelt Spieler und jauchzt ins Mikrofon, wenn der Ball mal wieder "im Kisterl" landet. Lange war Koch beim Bayerischen Rundfunk, heute kommentiert er beim Internetradio 90elf. Und natürlich hat er alle Daten von früher im Kopf. Etwa den 3. April 1977: seine erste Reportage für den Bayerischen Rundfunk.

Koch, der mittlerweile längst in Nürnberg wohnte, fuhr aus Mittelfranken nach Oberfranken. In die "Grüne Au". Die Hofer Bayern empfingen den FC Augsburg. Das Spiel war auch für Koch wichtig. In den Probereportagen hatte er mit seiner einzigartigen Stimme geglänzt. "Und dann habe ich ziemlichen Mist abgeliefert." Die Bosse waren sauer: "Sie gaben mir klar zu verstehen, dass das nicht das war, was sie von mit erwartet hatten." Koch musste noch mal zurück in die Probestudios. Doch Wochen später startete er durch. Er wurde ein markanter Bestandteil von "Heute im Stadion" auf Bayern 1. Es war legendär, wenn die "Stimme Frankens" mit Manni Breuckmann, der "Stimme des Westens", per Mikrofon Doppelpass spielte.
Koch berichtete von allen möglichen Sportarten: vom Rhön-Radfahren oder genauso mitreißend vom Eisstockweitschießen. Von Badminton, Tischtennis, Wasserball und vielem mehr. Sogar die Schach-Bundesliga war dabei. "Ich glaube, es waren so 42 Sportarten, über die ich berichtet habe." Immer mit Engagement, immer mit Herzblut, immer mit Kompetenz. Aber: "Die beste Reportage von mir, die gibt's noch nicht. Man findet immer etwas." Er strebt weiter nach Perfektion.

Seinen Beruf als Lehrer aufzugeben, kam dem mittlerweile Pensionierten in all den Jahren vor dem Mikrofon nie in den Sinn. "Ich halte den Lehrerberuf für sehr wichtig." Radiostationen wollten ihn fest beschäftigen, er blieb freier Mitarbeiter. "Ein Wechsel kam nie in Frage, obwohl ich Angebote bekam." Koch liebte seine beiden Berufungen: "Ich war glücklich im Lehrerberuf, wenn ich mich am Wochenende ablenken konnte."

Sommermärchen ohne Koch

Allerdings ging er 1982, wegen der Belastungen auch während der Woche, als Lehrer in Teilzeit. Weiterhin blieb er aber Seminarrektor für Pädagogik in Nürnberg. "Aber auf die Uhr darfst du bei den ganzen Geschichten nicht schauen", sagt Koch über den Stress. Richtig Stress hätte er gerne in den Sommermonaten 2006 gehabt - in den WM-Stadien. "Das war meine größte Enttäuschung", blickt er zurück. Koch wurde nicht für das ARD-Hörfunkteam nominiert. Die Bosse boten ihm an, alle Champions-League-Spiele seiner Wahl machen zu dürfen. Koch lehnte ab. "Ich wollte die WM."

Lieber Radio als TV

Und als das nicht klappte? "Da wollte ich ganz aufhören." Hat er aber nicht. Allerdings machte er eine Pause: Der Vater von zwei erwachsenen Töchtern schrieb Zeitungskolumnen, spielte Theater. Als der neue Abo-Sender "arena" in die Bundesliga-Berichterstattung einstieg, war Koch dabei. Doch das Fernsehen war nicht sein Ding: "Ich war dort nie so glücklich wie nach Radioreportagen."

Auch sein Ausflug in die Politik lief nicht wie geplant. Heute kann er nur den Kopf darüber schütteln, was sich vor sechs Jahren abspielte. Koch wollte für die SPD in den Landtag einziehen. Die CSU setzte alles in Bewegung, um zu verhindern, dass der populäre Radiomann auf Wählerfang ging. Er sollte seine Tätigkeit beim BR aufgeben. Für Koch war das aber sein Hobby, nicht sein Beruf. Koch ließ es und wurde auch von der SPD im Stich gelassen.

Im Stich gelassen hat ihn auch oft sein Club. Abstiege, Aussetzer, peinliche Auftritte. Doch er glaubt an seinen Club. Als die Nürnberger Anfang April auf Platz sechs der zweiten Bundesliga standen, war Koch schon felsenfest überzeugt: "Die steigen wieder auf." Und dann wird er Ende Mai wieder weinen - vor Freude.

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