Ludwig Kreutzer und Georg Koller vom TB Weiden waren beim Boston-Marathon am Start
"Und plötzlich macht es Wumm"

24 Stunden vor dem Start übermittelte Ludwig Kreutzer (rechts) dieses Foto, das ihn mit Georg Koller am Zieleinlauf von Boston zeigt: "Wir sind guter Dinge." Bild: hfz

Nach 3:50 Stunden biegt Ludwig Kreutzer in die lange Schlussgerade der Boylston Street ein. Mehrreihig säumen die Zuschauer die Straße. Sie treiben die Läufer des Boston-Marathons lärmend zum Schlussspurt an. Mit Jubel, Tröten, Klapperhänden. Was für ein Finale! Um 14.15 Uhr Ortszeit trabt Ludwig Kreutzer über die Zeitnahmematte. Der 57-Jährige vom TB Weiden ist ein "alter Hase", der Boston-Klassiker ist sein 54. Marathon.

Er kennt die Regeln. Nach der Ziellinie nicht stehen bleiben, immer weiter gehen. Hinter ihm drücken immer mehr Läufer in den abgesperrten Zielbereich herein. Kreutzer holt sich sein Umkleidepaket ab. Dann lässt er sich weiter treiben in die "Family Area", dort wird Begrüßungsbier in Plastikbechern ausgegeben.

Ein Gewitter?

14.45 Uhr. "Und plötzlich macht es Wumm", berichtet Ludwig Kreutzer. "Ich habe zum Himmel raufgeschaut und mir gedacht: ein Gewitter?" Sonniges Frühlingswetter. 15 Sekunden später wieder "Wumm". "Augenblicklich war es mucksmäuschenstill. Jeder wusste: Das bedeutet jetzt nichts Gutes. Die ganze Straße war still. Dann heulten Sirenen."

Ludwig Kreutzer kämpft sich vom Ziel am Copley Square zum "Sheraton Boston Hotel" durch, das nur 500 Meter entfernt liegt. Er hört Passanten in ihr Handy sprechen: "Bomb in the finish area." Im "Sheraton" steht sein Laufkamerad Georg Koller aus Schirmitz schon unter der Dusche. Von der Katastrophe draußen hat er nichts mitbekommen. Koller ist schon lange im Ziel. Der Schirmitzer ist eine sensationelle Zeit gelaufen, 2 Stunden 56 Minuten. Der 50-Jährige ist damit siebtbester Deutscher, steht in einer Reihe mit Sabrina Mockenhaupt. Das alles will er später gar nicht hören. Es zählt nicht mehr.
Kollers Freude über seinen gelungenen Lauf löst sich in der Sekunde auf, in der Ludwig Kreutzer verschwitzt ins Zimmer stürmt. "Mensch, wir müssen daheim anrufen." CNN berichtet von Toten und Verletzten. Die Handys funktionieren nicht. Das Netz ist überlastet. Koller geht zur Rezeption und versucht über Festnetz Kontakt mit seiner Frau in Schirmitz aufzunehmen. Nach einigen Fehlversuchen steht die Leitung. Daheim herrscht helle Panik. Bis kurz vor 19 Uhr (13 Uhr Bostoner Ortszeit) hatten Angehörige gemeinsam Kollers Zieleinlauf per Internet-Tracking verfolgt und gefeiert. Am späten Abend schaltet die Schwägerin nochmal den Computer ein, um nach seiner Platzierung zu sehen - was sie sieht, sind Verletzte, Tote, Rauch und Blaulicht.

Der "Klassiker" fehlt

Benachbarte Hotels werden evakuiert. Die Gäste im "Sheraton" können bleiben. Das Hotel wird von der Nationalgarde gesichert und als Treffpunkt eingerichtet. Kreutzer und Koller gehen am Abend eine Kleinigkeit essen, sie entfernen sich nicht allzu weit, so wie es die Sicherheitsleute empfehlen. Am Mittwoch sollte ihr Rückflug nach Deutschland gehen. Ob das klappt? Alles nachrangig. In den CNN-Spätnachrichten hören die Oberpfälzer, dass unter den drei Toten ein achtjähriger Bub ist, der seinen Vater anfeuern wollte.

Warum ausgerechnet Boston? Ludwig Kreutzer ist weltweit 53 Marathons gelaufen, auch in den USA. Dem Weidener fehlte noch der "Klassiker": Boston, seit 1897, traditionell am "Patriot's Day". Eben darin sieht er die Motivation, hier einen Anschlag zu verüben: "Man wollte die Mutter des Marathons treffen."
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