25.04.2008 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Milchpreissenkungen "reine Provokation" - Lieferboykott soll Marktmacht demonstrieren "Ein Bauer stirbt langsam"

"Das ist reine Provokation. Die wollen austesten, wo unsere Schmerzgrenzen sind." Landwirt Josef Hägler aus Deindorf (Kreis Schwandorf) ist stocksauer über die vom Lebensmittelhandel angekündigten Preissenkungen für Milch.

von Uli Piehler Kontakt Profil

Im vergangenen Monat bekam Hägler noch rund 40 Cent pro Liter Milch. Sollte der Preis wieder unter diese Marke fallen, sieht der Sprecher des Bundes deutscher Milchviehhalter (BDM) im Landkreis Schwandorf seine Existenz bedroht. "Das kann kein Betrieb auf Dauer durchstehen", sagt er. Kollege Matthias Zahn aus Eiglasdorf (Kreis Tirschenreuth) pflichtet ihm bei. Im November vergangenen Jahres zahlten ihm die Naabtaler Milchwerke rund 42 Cent pro Liter. "Das ist der Bereich, bei dem wir uns einer fairen Stundenentlohnung annähern." Viele Milchviehhalter in der Oberpfalz stecken in einem Dilemma. Sie haben in neue Ställe und moderne Technik investiert und müssen die Kredite dafür auf Jahrzehnte hinaus abstottern. Das monatliche Milchgeld ist dabei ihr wichtigstes Standbein. Die Erlöse sinken aber - bei gleichzeitig steigenden Produktionskosten. Die Preise für Dünger, Futter und Energie sind im vergangenen Jahr in die Höhe geschnellt. Beispiel: 100 Kilogramm Mineralfutter kosteten im Frühjahr 2007 noch 68 Euro. Zwölf Monate später sind 105 Euro fällig.
Matthias Zahn will zusammen mit anderen Landwirten aus der Region für "faire Milchpreise" kämpfen. "Wir müssen uns besser vermarkten. Und wir müssen unsere Marktmacht demonstrieren." Der Eiglasdorfer ist deswegen mit dabei, wenn es zu einem Lieferboykott kommt, wie der BDM ihn in Aussicht gestellt hat. "Der Rückhalt bei den Bauern ist da. Wenn alle mitmachen, bekommt das auch der Handel zu spüren."

Prinzip Hoffnung

Christof Graf hat 1994 in Atzlricht am Stadtrand von Amberg einen Stall für seine 50 Kühe gebaut. Die aktuelle Preisentwicklung sieht er mit großer Sorge. "Ich weiß nicht, wo das hinführen soll", sagt er. "Mir bleibt nichts anderes, als weiterzumachen und darauf zu hoffen, dass die Preise wieder steigen." Selbst wenn die nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung gegen seinen Betrieb spricht: "So einen Hof gibt man nicht einfach auf", sagt er. Genau da liegt nach Ansicht von Matthias Zahn das Problem. "Was sollen die Bauern denn machen, die 20, 30 Jahre lang ihr eigener Chef waren? Umschulen? In die Fabrik gehen?" Josef Hägler bringt es noch drastischer auf den Punkt: "Ein Bauer stirbt langsam. Er zehrt von der Substanz."
Oder er sattelt auf "Bio" um, so wie Harald Wohlfahrt aus Weißenberg (Kreis Amberg-Sulzbach) es getan hat. Allerdings schon vor 18 Jahren. In dieser Zeit hat sein Hof mit 70 Milchkühen eine Marktnische ausgefüllt, sich zu einer eigenständigen Käserei gewandelt. 130 Vertriebspartner nehmen Wohlfahrts Produkte zu deutlich höheren Preisen ab, als die Milchwerke zahlen. "Ich bin damals diesen Weg gegangen, der mit sehr viel Vermarktungsarbeit und Risiko verbunden war", sagt er. "Das ist sicher nicht für jedermann die geeignete Lösung." Schon gar nicht, wenn alle gleichzeitig auf diese Idee kommen.

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