Neffe beschuldigt 1984 gestorbenen Musikdirektor Georg Zimmermann der Vergewaltigung
"Furchtbar, was da passiert ist"

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Deutschland und die Welt
19.03.2010
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Gottlieb Hochwart hält von der Bitte um Vergebung der bayerischen Bischöfe an die Opfer sexuellen Missbrauchs gar nichts. Der in Heumaden bei Moosbach geborene Mann gehört selbst zu den Betroffenen. Sein Onkel hat den heute 60-Jährigen kurz nach der Kommunion zum ersten Mal vergewaltigt. Der Onkel war der Priester und Diözesanmusikdirektor Georg Zimmermann aus Eslarn.

Weitere Vergehen folgten, auch von anderen Verwandten. Der Mann, der seit 1997 im oberbayerischen Ampfing lebt, hat ein unbeschreibliches Martyrium hinter sich. Anvertrauen konnte er sich niemandem. Über 50 Jahre hat er geschwiegen und sein Schicksal in sich hineingefressen.

Nach den Berichten über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und bei den Regensburger Domspatzen brach er jetzt sein Schweigen. Hochwart ist gelernter Metzger und war unter anderem in Betrieben in Moosbach, Pleystein, Altenhammer und Weiden beschäftigt. Nach Ampfing zog er aus beruflichen Gründen - und, um die Vergangenheit zu vergessen.

Er hat Zimmermanns Karriere genau verfolgt. "Der Täter wurde hofiert, um die Opfer kümmerte sich niemand." Fast schon als Hohn betrachtet er die Geschwister-Zimmermann-Stiftungen in Eslarn, die Katharina Götze, Schwester des Musikdirektors, 2006 mit einem Grundstock von je 150 000 Euro für Pfarrei und Marktgemeinde gegründet hat. Die jährlichen Zinseinnahmen von jeweils etwa 6000 Euro sind für sozial Schwache, besonders für Kinder.

Entschädigung gefordert

"Der hat so viele Kinder missbraucht, mir hat niemand geholfen." Als Entschädigung für seine verlorene Kindheit fordert Hochwart daher jetzt eine fünfstellige Summe aus der Stiftung. "Geld ist nicht alles, aber es lindert." Und noch etwas stößt dem 60-Jährigen sauer auf: "Ich wusste nicht, dass in Eslarn nach diesem Mann eine Straße benannt worden ist", empört er sich und will auf jeden Fall dafür sorgen, dass sie einen neuen Namen erhält. "Sie sollte umbenannt werden in ,Straße der gepeinigten und missbrauchten Kinder'." Wenn die Gemeinde einen offiziellen Antrag auf Umbenennung erhält, muss sich der Marktrat damit beschäftigen, sagt Reiner Gäbl. Wegen der Stiftung sieht der Bürgermeister keinen Handlungsbedarf, da das Geld von Götze und nicht von Zimmermann stammt. Insgesamt ist die Sache ein sensibles Thema. "Zimmermann hat Straftaten begangen, die man nicht akzeptieren kann. Er ist jedoch verurteilt worden und hat eine gerechte Strafe verbüßt. Ich sehe die Nachtarockerei kritisch, wenn nach der Verurteilung nichts mehr war." Falls es doch noch etwas gegeben habe, sei "in erster Linie die Kirche gefragt". Die Jugendkammer des Landgerichts Weiden hatte Zimmermann am 21. Februar 1969 wegen "einer Reihe von sittlichen Verfehlungen mit Abhängigen" zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilt, steht im NT-Bericht vom 22. Februar 1969. "Die Verfehlungen erstreckten sich über einige Jahre", heißt es dort weiter. Und: "Oft stieß er bei den Jungen auf heftige Gegenwehr, wenn er sie unzüchtig berühren wollte."

Recherchen des Bistums

Auch im Bistum Regensburg laufen die Recherchen. Laut Pressesprecher Clemens Neck sei noch unklar, wen Zimmermann missbraucht und ob es auch nach dessen Freilassung noch Vergehen gegeben hatte. Derzeit würden Gerichtsakten gesichtet. Neck will am Montag um 10 Uhr in einer Pressekonferenz neue Erkenntnisse bekanntgeben. Der Sprecher bedauert Hochwarts Situation außerordentlich. "Es ist furchtbar, was da passiert ist."

Offenbar hat es jedoch mehrere Fälle gegeben. Zimmermann war 1959 acht Monate Internatsleiter der Regensburger Domspatzen. Ein Ehemaliger berichtete von regelmäßigen sexuellen Handlungen Zimmermanns mit den Buben. Seit 1989 erinnerte die Musikschule Moosbach in Gedächtniskonzerten an den Verstorbenen. Götze unterstützt seit vielen Jahren auch diese Einrichtung. Den Auftritt wird es "momentan nicht" geben, informiert Bürgermeister Hermann Ach. Er war selbst von 1979 bis 1984 Schüler des verstorbenen Musikdirektors. "Das ist eine ziemlich unangenehme Sache. Ich bin erschrocken. Ich hatte keine Ahnung, was da gelaufen ist." Der Fall war in der Gemeinde allerdings bekannt. Zimmermann hatte nach 1973 die Grenzlandmusikschule in Eslarn und 1978 das Jugendmusikcorps in Moosbach gegründet. Wie aus gut informierten Kreisen zu erfahren war, durfte er nur noch Gruppenunterricht geben.
Hans-Josef Völkl aus dem Moosbacher Ortsteil Burgtreswitz, selbst Leiter dreier Chöre in Waldau und Vohenstrauß, lernte von 1978 bis 1984 bei Zimmermann. Als damals achtjähriger Bub konnte er mit den Aussagen seines Lehrers, "dass etwas war" und dass er nach Moosbach gekommen sei, weil ihm in Eslarn Aufpasser an die Seite gestellt worden waren, nichts anfangen.

"Ich kann nichts Negatives sagen. Zu mir oder anderen war er nicht aufdringlich. Als Kind habe ich ihn aber manchmal gehasst. Denn er war sehr streng, aber auch gerecht", erinnert sich Völkl. "Ich finde es nicht in Ordnung, dass die Geschichte jetzt aufgekocht wird. Ich bin selbst im Vollzugsdienst tätig, es gibt viele aktuellere Fälle." Ähnlich sieht es Wolfgang Ziegler, Leiter der Musikschule Moosbach. "Das ist lange Zeit her, und der Mann ist verurteilt worden. Man sollte lieber den Leuten heute genauer auf die Finger sehen." Seine Musikschule würdige nur die musikalische Leistung Zimmermanns und habe sonst keinen Bezug zu ihm.

Lehrmeister erster Güte

"Ohne Zimmermann würde es mit der Musik in unserer Region ziemlich schlecht aussehen. Er war ein Lehrmeister erster Güte", meint ein Eslarner, der von 1976 bis 1978 bei dem Musikdirektor Unterricht hatte. "Er hat seine Strafe abgesessen, das 40 Jahre danach wieder auszugraben, ist eine Sauerei."
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