08.01.2009 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Neue Wege im Tourismus: Wie ein ehemaliger Landwirt im Landkreis Cham den Markt aufrollt Mit Pioniergeist zur Vollauslastung

Der neue Name lässt ahnen, dass sich hier Grundlegendes geändert hat: Der Ferdlhof, ein ehemaliger Milchviehbetrieb in Zettisch - einem Ortsteil von Rimbach im Landkreis Cham - nennt sich jetzt Baby & Kinder Bio-Resort. Wo früher ein Dutzend Ehrenplaketten der Milcherzeugergenossenschaft hingen, prangen jetzt vier Hotellerie-Sterne.

Der Ulrichshof in Zettisch bei Rimbach im Landkreis Cham nennt sich das erste Bio-Kinderhotel Europas. Hotelchef Ulrich Brandl hat vor 17 Jahren angefangen, den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern Schritt für Schritt umzubauen. Bild: Piehler
von Uli Piehler Kontakt Profil

Wer wagt gewinnt - nach diesem Motto hat sich der heute 47-jährige Landwirtschaftsmeister Ulrich Brandl vor 17 Jahren dazu durchgerungen, die Milchviehhaltung aufzugeben und in das Tourismusgeschäft einzusteigen. "Dass wir dabei die ausgetretenen Pfade verlassen haben, hat sich ausgezahlt", sagt er heute. Von Anfang an hatte Brandl Familien mit kleinen Kindern im Blick. Aus seinem Hof sollte nicht irgendein, sondern das erste Bio-Kinderferienhotel Europas werden. Ein hoher Anspruch für die 90er-Jahre, in denen es allenfalls ein ökologisches Unter-Bewusstsein gab.

Banken überzeugt

"Ich war mir sicher, dass es sich gerade in Ostbayern lohnt, etwas völlig Neues auszuprobieren", sagt der zweifache Familienvater. Bayerischer und Oberpfälzer Wald seien für sanften Familienurlaub ideal. "Es gibt so viele Angebote rundherum. Das ist Familien paradiesisch." Sein Konzept von einer Erlebniswelt für Kinder und einer Oase der Ruhe für gestresste Mamas und Papas überzeugte auch die Banken. 1992 richtete er in seinem Elternhaus neun Ferien-Apartments her, um dann zwei Jahre später zum großen Sprung anzusetzen: Auf dem Gelände des Hofes entstand ein Hotel mit 43 Suiten, einem Restaurant sowie ein neuer Pferdestall samt Reithalle.

Heute beschäftigt der Ulrichshof 80 Mitarbeiter und bietet mit 60 Familienapartments Platz für 120 Erwachsene und ebenso viele Kinder. Mittlerweile beherbergt das Hotel auch noch einen eigenen Kindergarten, ein Erlebnisbad und eine Schönheitsfarm. Vor allem wegen der strengen ökologischen Ausrichtung hagelt es Auszeichnungen: Die Zeitschrift Geo-Saison wählte das Hotel zu den 90 besten Familienhotels Europas, der "Feinschmecker" listet den Ulrichshof unter den deutschen Top 50.

Das Erfolgsrezept könnte aus einem Agenda 21-Leitbild stammen. Der Betrieb setzt auf natürliche Ressourcen und regionale Wertschöpfung. Küchenchef Markus Pinapfel verwendet in erster Linie Produkte aus ökologischem Anbau. "Wenn Kinder frühzeitig die Unterschiede zwischen Karotte und Karotte wahrnehmen, also differenziert zu schmecken lernen, werden sie sich auch später bewusster ernähren", sagt er. Zusammen mit den kleinen Hotelgästen erntet er die Zutaten für das Mittagsmenü im hoteleigenen Kräutergarten.

Ulrich Brandl ist längst da angekommen, wo andere mit allerlei Mühen versuchen, hinzukommen. Sein Haus ist voll ausgelastet. Eine Nebensaison gibt es praktisch nicht. "Bisher bekommen wir von der Finanzkrise nichts mit", sagt der Hotelier, der auch als Vizepräsident des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands (BHG) fungiert und mit seiner Kritik an BHG-Präsident Siegfried Gallus im Oktober vergangenen Jahres bayernweit für Schlagzeilen sorgte. Er hat viele Ideen, wie eine bessere Positionierung Ostbayerns im Tourismusgeschäft erreicht werden könnte. Die erste: "Wir brauchen eine stärkere Vernetzung. Noch immer ist es so, dass viele in der Branche ihr eigenes Süppchen kochen, satt das große Ganze im Blick zu haben."

"Leuchttürme strahlen"

"Die kleinste Einheit muss der Landkreis sein", fordert Brandl. Noch besser wäre seiner Meinung nach eine überregionale Marke - wenn es schon nicht die Bezeichnung Ostbayern sein soll, dann eben Bayerischer Wald. "Den Gast aus den Niederlanden interessiert es nicht wirklich, ob nun Amberg geografisch noch dazu gehört oder nicht. Aber er kann sich etwas unter Bayerischer Wald vorstellen." Brandl verweist auf das Beispiel Südtirol, dessen überregionaler Schulterschluss zum Erfolg geführt habe. Der Landkreis Cham sei den anderen Oberpfälzer Kreisen zwar meilenweit voraus. Dennoch könnte er als "Leuchtturm" auf die Nachbarkreise ausstrahlen.

Potenzial zum Vorzeigeprojekt hat seiner Meinung nach auch das Sibyllenbad im Landkreis Tirschenreuth. "Es hat aber auch nur eine Chance, wenn es sich vernetzt", sagt Brandl. "Die natürlichen Kooperationspartner stehen dort ja bereit: Jenseits der Grenze, im böhmischen Bäderdreieck." Und natürlich im Bayerischen Wald. Brandl will demnächst eine Initiative starten, um die herausragendsten Angebote in der Oberpfalz zu verknüpfen.

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