10.06.2010 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Nur noch Scheune und Feldkreuz zeugen von ehemals stattlichem Anwesen an Hoher Straße Glück und Unglück auf dem Ödhof

"Der Einwohner ist ein Hirt, der das Galtvieh von Unterwildenau den Sommer über weidet. Das zu diesem Hof gehörige Holz (Wald) ist beträchtlich." So wurde die ehedem 492 Meter hoch gelegene Einöde Ödhof um 1800 beschrieben. "Galt- oder Goltvieh" waren Kühe, die noch nicht oder nicht mehr trächtig waren oder Milch gaben.

Ins Obergeschoss des ehemaligen Ödhofs zog 1946 die neunköpfige Familie Grünwald. Im Erdgeschoss wohnte bereits die aus Rumänien gekommene Familie Walter. Repro: sef
von Autor SEFProfil

Das einzeln gelegene Anwesen im Wald mit einem Haus nahe der Hohen Straße (Alte Heerstraße) tauchte erstmals 1732 in einer Urkunde auf. Seit 1809 besaßen die im Schloss Unterwildenau ansässigen Freiherrn von Hirschberg das stattliche Anwesen mit den dazugehörigen Wäldern, Feldern und Wiesen. Die Bewirtschaftung überließen sie Pächtern wie den Familien Michler und Fleischmann. An letztere erinnert das 1912 errichtete Feldkreuz an der Abzweigung von der Hohen Straße, einer Hauptverkehrs-Achse im Mittelalter.

Blockhaus abgerissen

Josef Wittmann aus dem benachbarten Gelpertsricht erinnerte sich, dass der Ödhof früher näher am Waldrand stand. 1936 wurde das massive Blockhaus abgerissen. Stattdessen ließen die Hirschbergs weiter östlich ein typisch oberpfälzisches Wohnstallhaus errichten.

1947 machte sich der vorletzte Luher Kooperator Georg Zangl auf den beschwerlichen Fußweg zum Ödhof. Ziel seiner damals "Beichtzettelsammlung" genannten Pastoralvisite war die Familie Grünwald, die es aus Rumburg in Nordböhmen (Sudetenland) hierher verschlagen hatte. Die Grünwalds waren erst in Regensburg und dann in Neudorf gelandet, wo der Saal im ersten Stock des Gasthauses "Zum grünen Kranz" (Schraml) für einige Monate als Notunterkunft diente. Dort hausten Großmutter, Vater, Mutter und sechs Kinder in einem großen Raum.
Am 28. Mai 1946 erfolgte auf Veranlassung von Bürgermeister Ambros Fellner die Umquartierung zum nördlich gelegenen Ödhof. Dort wohnte die Familie Walter aus Rumänien im Erdgeschoss. Die neun Grünwalds bezogen die beiden Räume im ersten Stock, die sie erst mit selbst geschreinerten Möbeln ausstatten mussten. Hungern mussten die Neuankömmlinge nicht: Das verhinderten Lebensmittelkarten, Entlohnung für Gelegenheitsarbeiten in den umliegenden Orten, Gaben von Bauern sowie Beeren und Pilze aus dem Wald. Dort gab es auch Brennholz.

Die Grünwald-Kinder besuchten die Neudorfer Schule unten im Tal. "In die Schule sind wir im Winter bei ausreichender Schneelage mit Skiern gegangen, die in mühevoller Eigenfabrikation aus einem Eschenstamm gesägt worden waren." Sonn- und feiertags marschierte die gesamte Familie Grünwald samt der betagten Großmutter in die Luher Martinskirche zur Messe. Für den Weg, der im Winter oft nur mühsam zu bewältigen war, brauchten sie eine Stunde.
Wer heute zum Ödhof wandert, die Ruhe und Aussicht nach Norden und Westen genießt und eine alte Obstbaum-Allee durchquert, hält nach Menschen und Tieren vergeblich Ausschau. Der Ödhof ist längst nicht mehr bewohnt. Am 11. Juni 1979 leitete ein Feuer den Anfang vom Ende einer langen Tradition ein.

Sieben Wehren vor Ort

"Am späten Montagabend wurden die Feuerwehren zum Ödhof bei Gelpertsricht gerufen, weil die Stallung in hellen Flammen stand. Der Hof war zur Zeit nicht mehr bewohnt, doch die landwirtschaftlichen Nebengebäude wurden noch genutzt. Um 22.30 Uhr hatte die Landespolizei Vohenstrauß die Feuerwehrzentrale Weiden von dem Brand unterrichtet. Da das Gebäude weit außerhalb der Behausung liegt, wurden sofort die Tanklöschfahrzeuge aus Schirmitz, Neustadt, Altenstadt und Weiden zur Brandstelle geschickt. Die Feuerwehren aus Luhe, Oberwildenau und Neudorf eilten ebenfalls zum Ödhof." So berichtete damals unsere Zeitung.

"Roter Feuerschein und die anrückenden Fahrzeuge der Feuerwehren lockten ganze Kolonnen von Neugierigen zur Brandstelle. Beim Eintreffen der Feuerwehren stand bereits die gesamte frühere Stallung, die an das Wohnhaus angrenzte , in hellen Flammen. Bei der Stallung gab es nicht mehr viel zu löschen. Das angebaute Wohnhaus sowie ein dicht danebenstehender Stadel, in dem landwirtschaftliche Geräte gelagert waren, konnten durch den massiven Einsatz der Feuerwehren gerettet werden. Die Ursache des Brandes blieb ungeklärt. Da aber das Anwesen seit Jahren unbewohnt ist und darin öfters Landstreicher übernachten, kann eine Brandstiftung nicht ausgeschlossen werden."

Die Bemühungen der zahlreichen Feuerwehren waren letztlich umsonst. Weil das Wohnhaus in der Folgezeit weiterhin ungenutzt blieb, verfiel es nach und nach, bis es schließlich abgerissen wurde.

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