01.09.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Rassistische "Turner-Tagebücher" lassen internationale Verflechtungen vermuten - Autor ... US-Roman wirft neues Licht auf NSU-Terror

Die Frage, ob Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (von links) Teil eines Netzwerks waren, beschäftigt nun die Richter. Bild: dpa
von Agentur DPAProfil

Hat das NSU-Trio seine Serie von zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen allein geplant und ausgeführt oder gab es eine übergeordnete Struktur mit einem strategischen Plan? Die Ermittler gehen bisher davon aus, dass das Trio die Taten allein beging. Das aber will das Oberlandesgericht (OLG) München im Prozess gegen Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte jetzt offenbar kritisch hinterfragen.

Denn das Gericht hat vor der Sommerpause ein ungewöhnliches Beweismittel in den NSU-Prozess eingeführt, das ab der nächsten Sitzung am 4. September erörtert wird - den Roman "Die Turner-Tagebücher", der auf mehrfache Weise mit dem NSU verknüpft ist. Verblüffend sind vor allem personelle Verflechtungen zwischen dem Autor William Pierce und dem NSU-Umfeld, die eine ganz andere Vermutung nahelegen könnten: dass nämlich das Trio in eine weit verzweigte, womöglich internationale Struktur eingebunden gewesen sein könnte.

Kleine Untergrundzellen

Pierce ist Gründer der amerikanischen Nazi-Organisation "National Alliance" (NA). Der Held seines Romans schließt sich einer kleinen Zelle "arischer" Kämpfer an, die sich mit weiteren Zellen zu einer mächtigen Untergrundorganisation verbindet und am Ende den "Rassenkrieg" gewinnt. In rechtsextremen Kreisen gilt das Werk als Kult und soll Terroristen wie Timothy McVeigh, der 1995 ein Regierungsgebäude in Oklahoma in die Luft sprengte, inspiriert haben. Auch beim "Nationalsozialistischen Untergrund" um Beate Zschäpe sieht das Bundeskriminalamt laut einer Analyse "gewisse Parallelen" zu den "Turner-Tagebüchern".

Dazu gehöre das Prinzip des "führerlosen Widerstands", die Geldbeschaffung durch Banküberfälle und die willkürliche Ermordung von Imbissbetreibern, im Roman als "Orientalen mit dunklen, gekräuselten Haaren" beschrieben. Deutsche Übersetzungen wurden auf den PCs der NSU-Helfer Ralf Wohlleben und André E. gefunden. Als "Blaupause" habe der Roman nicht gedient, heißt es in dem BKA-Papier, weil beim NSU die "Einbettung in eine größere Gesamtstruktur" fehle.

Allerdings beschäftigten sich die Ermittler allein mit dem Roman, die persönlichen Kontakte zwischen US-Autor Pierce und dem NSU-Umfeld blieben außen vor. So gewährte Pierce dem aus Deutschland geflohenen Neonazi Hendrik Möbus, der wie das NSU-Trio aus Thüringen stammt, Unterschlupf. Dieser ermordete mit 17 Jahren Sandro B. ("Satansmord von Sondershausen") und wurde zu einer Jugendstrafe verurteilt. Wieder frei kooperierte er mit dem Netzwerk "Thüringischer Heimatschutz", dem auch Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt angehörten.

Pierce unterstützt Möbus

Möbus verstieß gegen die Bewährungsauflagen und floh vor der Festnahme in die USA. Ein thüringischer Zielfahnder spürte ihn auf Pierces Anwesen in West Virginia auf. Für ihn baute Möbus den lukrativen Vertrieb rechtsextremer Musik auf. Als er im August 2000 in Abschiebehaft kam, entfachte Pierce eine Kampagne und holte den Anführer des "Thüringer Heimatschutzes" nach Amerika. Inzwischen betreibt Möbus in Berlin mit einem Kompagnon (aus dem Facebook-Umfeld Zschäpes), einen Internethandel. Zeichnet sich hier eine "größere Gesamtstruktur" ab, die das BKA noch vermisste? Eine Sprecherin des Gerichts sagt: "Der Senat muss sich ein eigenes Bild machen."

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