12.10.2004 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Reinhard Erös als Wahlbeobachter in Afghanistan: Ausland muss Präsidenten jetzt massiv ... Fingertinte besteht Oberpfälzer Nagelprobe

von Stefan Zaruba Kontakt Profil

Die Kinderhilfe Afghanistan um die Oberpfälzer Dr. Reinhard und Annette Erös hat ein halbes Dutzend ihrer Schulen als Wahllokale für die afghanischen Präsidentschaftswahlen zur Verfügung gestellt. Der ehemalige Bundeswehr-Arzt ist seit seiner Pensionierung im Pendelverkehr zwischen Mintraching bei Regensburg und Afghanistan unterwegs. So auch zu dem historischen Urnengang. Der Mediziner Erös hat die Wahlen mit Interesse beobachtet, schließlich ist er selbst in der ostbayerischen Kommunalpolitik aktiv.

Sie kehren eben aus einem Brennpunkt der internationalen Politik zurück und gehen direkt in die Sitzung des Regensburger Kreistags. Kontrastprogramm pur?

Erös: So groß sind die Unterschiede gar nicht. Überall menschelt es und liegt es an einzelnen Personen, ob etwas vorwärts geht oder nicht.

Sie kennen Afghanistan noch aus Zeiten, in denen es nur die "Wahl der Waffen" gab. Wie kommen die Menschen mit ihrer neu gewonnenen demokratischen Mitbestimmung zurecht?

Erös: Es ist für sie etwas völlig Neues. Noch nie haben Afghanen einen Präsidenten gewählt. Aber sie sind mit ungeheurer Verve und Motivation zur Wahl gegangen. Er war erstaunlich, wie zivilisiert das abgelaufen ist. Und für mich war frappierend, wie "zivil-politisch denkend" die Menschen plötzlich geworden sind: Dass sie erkennen, welche Rolle Wahlzettel spielen, und dass sie sich als einfacher Bauer oder zwanzigjährige Frau am politischen Prozess beteiligen können.

Die Bilder aus Afghanistan zeigen lange Schlangen vor den Wahllokalen ...

Erös: Die Menschen sind stundenlang marschiert und dann in brütender Hitze angestanden. Das sind echte physische Beschwernisse. Dazu noch die heikle Sicherheitslage in manchen Provinzen im Vorfeld der Wahl. In Deutschland wird bequem sonntags im Wahllokal gleich um die Ecke gewählt. Vergleicht man die Wahlbeteiligungen beider Länder, muss man vor den Afghanen den Hut ziehen.

Wie frei und fair war der Urnengang nach Ihrem Eindruck?

Erös: Gezielte Wahlfälschungs-Aktionen habe ich nicht erlebt. Ich habe auch keinen Druck auf die Menschen verspürt, im Gegenteil, es herrschte eher Volksfeststimmung. Und in unseren Wahllokalen war etwa jeder dritte Wähler eine Frau. Das ist eine Riesenbeteiligung für Afghanistan. Frauen haben dort ja noch nie gewählt. Was die Männer - und auch Frauen - aber nicht gewöhnt waren, ist, dass Frauen alleine in die Wahlkabinen gehen mussten. Die Frauen machen ja sonst alles nur zusammen mit ihren Männern. Also hat man sich vor der Stimmabgabe noch einmal kurz besprochen. Aber so etwas soll auch in Deutschland vorkommen ...

Allerdings gibt es hierzulande keine Probleme mit "Fingerfarben" ...

Erös: Auch in unseren Schulen wurde mit dieser Fingertinte gearbeitet. Als ich von meiner Frau aus Deutschland hörte, dass man sich im Ausland über die angebliche Abwaschbarkeit aufregt, habe ich es selber ausprobiert. Um die Farbe so weit zu entfernen, dass man nichts mehr sieht, brauchte man Wasser, Seife und eine Bürste. Aber das gab es in den Wahllokalen nicht. Und die Menschen, die zum Wählen kamen, waren gar nicht darauf vorbereitet, dass man betrügen könnte. Bei zwei Leuten habe ich es erlebt, dass noch Reste der Tinte an den Rändern der Fingernägel hafteten. Die beiden hat man dann einfach wieder rausgeschickt, aber das lief alles eher humorvoll ab. Ich meine, die letzten US-Präsidentschaftswahlen in Florida sind mindestens genauso kritisch zu sehen.

Sie sprachen von "Volksfeststimmung". Wird diese angesichts der Probleme in Afghanistan bald einer Ernüchterung weichen?

Erös: Die Wahl hat eine hohe psychologische Bedeutung. Die Afghanen sind jetzt im positiven Sinn am Punkt Null angelangt. Sie haben ihren Präsidenten selbst bestimmt. Karsai - der mit absoluter Mehrheit gewählt sein dürfte - muss jetzt schnell eine Verbesserung der Lebensbedingungen erreichen. Und er muss sich in den Provinzen zeigen. Er hat Ansehen gewonnen, nun muss er angesehen werden können. Karsai braucht massive Hilfe aus dem Ausland. Ich hoffe, dass deutsche Unternehmen dort investieren. Nicht als Entwicklungshelfer. Mit dem Humankapital, den klugen Köpfen in dem Land, kann man Geld verdienen. Die Afghanen haben gescheite Köpfe und wollen etwas bewegen.

Allerdings fürchten Unternehmer Übergriffe - etwa von den Taliban.

Erös: Die meisten Afghanen lehnen die Taliban ab. Das muss man positiv unterstützen. Ein Beispiel: Wir von der Kinderhilfe Afghanistan bauen eine säkulare Schule neben einer Koranschule der Taliban. Und die Bauern werden ihre Kinder zu uns schicken. Europa muss - übrigens auch alternativ zum Kurs der USA - Flagge zeigen. Für die Isaf heißt das: Die regionalen Aufbauteams müssen in allen 34 Provinzen - nicht nur in sieben wie bislang - aber vor allem in den so genannten kritischen Ostprovinzen eingesetzt werden. Und es ist zwar wichtig, auch Uniform zu zeigen, aber vor allem müssen wir dort Fachleute für den Wiederaufbau einbinden. Deutsche und Exilafghanen. Das können erfahrene Ingenieure, Manager oder Betriebswirte aus ganz Europa sein. Keine jungen Weltverbesserer. Ein 60-Jähriger mit schlohweißem Haar genießt in diesem Land - im Unterschied zu Deutschland - höchstes Ansehen. Und es leben hunderttausende Exilafghanen in Europa. Darunter sicher 5000 hervorragend ausgebildete Akademiker. Die muss man mit "sanftem Druck" dazu bringen, ihre Fähigkeiten ihrem Heimatland zur Verfügung zu stellen.

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