22.01.2010 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Schulkinder hatten früher oft einen beschwerlichen Weg zu gehen Der lange Marsch

Viele Kinder mussten früher bei jeder Witterung lange Strecken gehen, auch im Schnee. Wer es weit zur Schule hatte, machte sich daher oft schon vor der Morgendämmerung auf den Weg.
von Autor SEFProfil

Wie bequem und komfortabel: Heutzutage werden viele Schülerinnen und Schüler von den Eltern bis zur Pforte gefahren und von dort nach dem Unterricht auch wieder abgeholt. Auswärtige Kinder befördert der Bus über weite Strecken durch die Gegend. Das war nicht immer so: Noch vor wenigen Jahrzehnten war es gang und gäbe, dass kilometerweit in die Schule laufen mussten, bei Wind und Wetter.

Alles begann am 23. Dezember 1802: Damals verordnete Kurfürst Max IV. Joseph eine Schulpflicht von sechs Jahren für alle Kinder zwischen dem sechsten und dem zwölften Lebensjahr. Im Anschluss an die Werktagsschule mussten die 13- bis 18-Jährigen die Sonn- und Feiertagsschule besuchen. Der Unterricht sollte das ganze Jahr hindurch gehalten werden - nur von Mitte Juli bis Anfang September war wegen der Erntezeit frei.

In Bayern dauerte es trotz aller Bemühungen mehr als ein halbes Jahrhundert, bis annähernd 90 Prozent aller Buben und Mädchen die Schule auch wirklich besuchten, und zwar im Sommer und im Winter. Gerade im Winter waren die langen Fußmärsche zu den oft einklassigen Schulen sehr beschwerlich, die damals an vielen Orten gegründet wurden. Sobald es die Witterung zuließ, gingen die Kinder barfuß und trugen auch in der kalten Jahreszeit nur Holzschuhe. Lederschuhe kannten sie nur vom Hörensagen.
Obwohl damals noch sehr viel Schnee fiel, waren sie oft mit unzureichender Kleidung auf ungeräumten und wenig befestigten Wegen in der Dunkelheit unterwegs, so dass sie schon müde und durchnässt im Klassenraum eintrafen.

Allzu weite Schulwege waren übrigens oft ein Grund für Schulsprengeländerungen: Beispielsweise besuchten die Kinder aus Lengenfeld (Kreis Tirschenreuth) lange Zeit die Schule in Beidl und wurden 1838 in eine eigene einklassige Schule umgegliedert. Die Buben und Mädchen aus Poppenreuth gehörten anfangs nach Großkonreuth (Kreis Tirschenreuth) und erhielten später in ihrem Heimatort eine eigene Schule.

Bitterkalter Baimwind

Der Autor Willi Wittmann, der 1936 in Lennesrieth eingeschult wurde und von Frankenrieth aus seinen Fußweg antreten musste, erinnerte sich in seinem Buch: "Die Leiden des Schulweges bestanden darin, dass vom Herbst bis in das Frühjahr oft der Ostwind (Baimwind) am frühen Morgen eiskalt ins Gesicht blies und im Winter die Flocken zu Kristallnadeln verwandelte. Damals gab es weder einen gefütterten Anorak noch Pelzschuhe. Man musste sich meist mit selbst gestrickten Mützen und Handschuhen begnügen. Ab und zu, wenn der Schneesturm gar zu mächtig blies, hat uns ein Bauer aus dem Dorf mit dem Pferdeschlitten in die Schule gebracht oder von dort abgeholt."
Professor Dr. Lothar Gall, Präsident der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, lebte mit seiner Mutter zwischen Herbst 1945 und Sommer 1946 im Bayerischen Wald. Der Achtjährige stand um halb fünf Uhr auf und musste zehn (!) Kilometer zur Schule in Schönberg gehen, was im Winter bei hohem Schnee strapaziös war. Die Pilsheimer Kinder beispielsweise besuchten bis 1951 die Schule Schmidmühlen, gut vier Kilometer entfernt. Ein ehemaliger Schüler hat sich gemerkt: "Wir mussten täglich und bei jedem Wetter gehen. Besonders beschwerlich war dies in den Wintermonaten. Zur Zeit der Engelämter im Advent mussten wir schon um sechs Uhr das Haus verlassen, damit wir um sieben Uhr rechtzeitig in der Kirche waren. Triefend nass saßen wir oft in der eiskalten Kirche. Da war es dann schon eine Wohltat, wenn man sich nach dem Gottesdienst im Schulzimmer an den großen Kachelofen lehnen konnte."

Bei jedem Wetter

Margarete Prößl erzählte dem Loher Bürgermeister Gerhard Scherl, als er sie anlässlich ihres 85. Geburtstages besuchte: "Ich musste ins acht Kilometer entfernte Adertshausen im südlichen Landkreis Amberg-Sulzbach zur Schule gehen. Das war damals halt so. Keiner hat gefragt, ob wir gefahren werden wollten."
1969 führte das bayerische Kultusministerium eine Landschulreform durch: Spätestens 1972 mussten alle einklassigen Volksschulen aufgelöst und in zentrale Orte eingegliedert werden. Erst als die ersten Schulbusse fuhren, konnten die Kinder aufatmen.

Quellen: Wittmann, Willi, "Vom Leben in der Oberpfalz", München 1987;Gall, Lothar, Brief vom 23. April 2007; Stöckel, Helfried, "Alte einklassige Landschulen in der Oberpfalz", Landkreis Schwandorf, Kallmünz 2006

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