"Spurwechsel mit Hund": Verhaltensforscherin Angelika Putsch spricht über ihr neues Buch und ...
Bester Freund, Therapeut und "tierisches Sozialnavi"

Angelika Putsch mit ihrem Hund TomTom. Bild: hfz
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Deutschland und die Welt
28.05.2013
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Verhaltensforscherin Angelika Putsch ist schon lange auf den Hund gekommen. Sie hat ein Konzept entwickelt, in dem es um die Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen sowie den Vierbeinern geht. Ihr Buch "Spurwechsel mit Hund" (Buchtipp) ist im Mai erschienen. In einem Interview mit dem "Neuen Tag" erzählt sie, warum der Hund Türöffner sein kann und wie Mensch und Tier mit- und voneinander lernen können.

Frau Putsch, der Hund gilt als der beste Freund des Menschen. Nun auch als dessen bester Therapeut?

Angelika Putsch: Sind es nicht gerade unsere besten Freunde, die uns in Krisenzeiten hilfreich zur Seite stehen? Versteht man unter einem Therapeuten jemanden, der einem hilft, sein seelisches Gleichgewicht wieder zu finden und die eigenen Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen, trifft diese Definition auf den Hund sehr wohl zu.

Was genau kann ein Hund bei Menschen bewirken?

Angelika Putsch: Zahlreiche Studien belegen, dass Kinder, die mit Haustieren aufwachsen, mehr Verantwortungsgefühl und Einfühlungsvermögen zeigen und beliebter sind. Ein Hund im Klassenzimmer kann das Konzentrationsvermögen der Schüler erhöhen und Tierkontakte in Gefängnissen die Gewalt unter den Insassen eindämmen.
Sie sagen, dass der Hund quasi ein Türöffner bei Jugendlichen sein kann. Warum vermag das gerade der Vierbeiner?

Angelika Putsch:Der Hund nimmt Jugendliche auf einer anderen Ebene wahr. Dem müssen junge Menschen nicht lange erklären, was mit ihnen los ist. Ihm ist egal, ob sie optisch aus dem Rahmen fallen oder in Schule und Beruf nicht die von ihnen erwartete Leistung bringen. Er nimmt sie an, so wie sie sind.

Wie feinfühlig sind Hunde?

Angelika Putsch: Sind die Jugendlichen traurig, bietet er sich zum Streicheln und Kuscheln an, sind sie wütend, lädt er sie umgehend zu Renn- und Zerrspielen ein. Damit signalisiert er den Jugendlichen ein tieferes Verständnis für deren Gefühlswelt. Und diese spüren die Verbundenheit, die ihnen im zwischenmenschlichen Kontakt oftmals fehlt. Die Tür geht auf - auch für mich als Verhaltensforscherin, die die Interaktionen zwischen Kind und Hund sowie auch zwischen Kind und Kind im Zusammenspiel beobachtet.

Was hat der Hund einem Menschen voraus, wenn es um die Arbeit mit jungen Menschen geht?
Angelika Putsch: Von Vorteil ist, dass die Jugendlichen den Hund nicht als einen Therapeuten oder Erzieher wahrnehmen. Ohne sie zu ermahnen, zeigt das Tier den Jugendlichen doch, was ihm gefällt und was nicht. Durch sein eindeutiges Feedback im Zusammenspiel lehrt der Hund den Jugendlichen sozusagen das Einmaleins des sozialen Miteinanders.

Sie haben ein Konzept zur Arbeit mit verhaltensauffälligen Jugendlichen entwickelt. Wie soll der Hund diesen wieder in die richtige Spur verhelfen?

Angelika Putsch:Als Rudeltier, mit einer dem Menschen vergleichbaren Familienstruktur, kennt der Hund die Spielregeln des Miteinanders und achtet auf deren Einhaltung. Frei von kulturell geprägten Werten und Vorurteilen nimmt er sein menschliches Gegenüber so an, wie es ihm begegnet. Wendet sich der Mensch ihm freundlich und interessiert zu, wird ein geeigneter Therapiehund diese Signale umgehend positiv bestärken und sich einem zuwenden. Will jemand dagegen Macht demonstrieren oder dem Hund Dinge abverlangen, die ihn überfordern, wird er umgehend signalisieren: "so nicht".
Sie sprechen von einem "tierischen Sozialnavi" bei der Arbeit mit dem Hund. Was heißt das?

Angelika Putsch: Der Begriff "Sozialnavi" soll versinnbildlichen, dass Hunde sozial ängstlichen, gewalttätigen oder anderweitig am Rand der Gesellschaft stehenden Menschen durchaus wieder den Weg in unsere Gemeinschaft weisen können. Genau wie wir sind Hunde auf positive soziale Kontakte angewiesen, um körperlich und seelisch gesund zu bleiben.

Eignen sich alle Hunde und Jugendliche für ihr Konzept?

Angelika Putsch: Es bedarf einer langen und intensiven Vorbereitung, um zu einem partnerschaftlich agierenden Mensch-Hunde-Team zusammenzuwachsen. Trotzdem wird sich auch dann nicht jedes Team für den pädagogischen oder therapeutischen Einsatz eignen. Passt aber alles, wird der Hund seine Aufgabe als "Sozialnavi" freudig erfüllen und eine Atmosphäre mitgestalten, in der das von- und miteinander Lernen wie von selbst geschieht.
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