03.11.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Stiegler würdigt Platzeck - "Fassade der CSU weg" Hart und doch flexibel

von Stefan Zaruba Kontakt Profil

Bayerns SPD-Chef Ludwig Stiegler sieht in dem als Nachfolger von Franz Müntefering nominierten Parteichef Matthias Platzeck den Motor, mit dem die SPD wieder Fahrt aufnehmen könne. Im Interview mit unserer Zeitung zeigt sich der Weidener aber auch nachdenklich über den Zustand der Partei:

Wenn Sie den SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering und seinen vermutlichen Nachfolger Matthias Platzeck gegenüberstellen - wie fällt dieser Vergleich aus?

Stiegler: Man kann das nicht vergleichen, weil man die Gesamtleistungen einer Amtszeit betrachten muss...

...die bei Franz Müntefering nicht außerordentlich lange war.

Stiegler: Ja, aber er hat in kurzer Zeit unglaublich viel bewegt. Er hat die Partei in der Krise stabilisiert, die Mitglieder für einen Wahlkampf mobilisiert, die Koalitionsverhandlungen aufgenommen und bereits die Zukunftsdiskussion in der SPD angestoßen. Für viele in der SPD ist er eine ganz wichtige Integrationsfigur.

Und Matthias Platzeck?

Stiegler: Er hat einen frischen, kooperativen, kameradschaftlichen Führungsstil, dazu den richtigen Karat-Gehalt an Härte und gleichzeitig genug Flexibilität. Mit ihm können wir nach diesem großen Schadensfall wieder Fahrt aufnehmen.

Der Brandenburger kommt mit einer ganz anderen Biografie an die SPD-Spitze wie die bisherigen Vorsitzenden.

Stiegler: Er war Oberbürgermeister von Potsdam - dieses Amt ist in ganz Deutschland gleich. Er hat breite kommunale Erfahrung und ist erfolgreicher Ministerpräsident einer großen Koalition.

Deren Zustandekommen auf Bundesebene ist noch nicht in trockenen Tüchern. Wie schätzen Sie die Chancen derzeit ein?

Stiegler: 80 zu 20. Wir haben die schwierigste Woche vor uns. Die Union ist durch ihre Verwerfungen kein leichterer Partner geworden.

Aber auch die SPD muss sich neu aufstellen. Wie?

Stiegler: Die SPD muss zwei Dinge machen: Zum einen eine erfolgreiche Regierungsarbeit, auf der anderen Seite aber deutlich machen, was SPD rein und pur bedeuten würde. Wir müssen den Spagat hinbekommen, uns an Verabredungen zu halten, den Menschen aber deutlich zu machen: Wenn es die SPD in der Hand hätte, würde sie dieses oder jenes anders machen. Wir haben eine eigene Identität, sind aber mit anderen verbündet.

Edmund Stoiber, Ihr Partner in der Verhandlungsgruppe Wirtschaft, wird kein Mitglied der Koalition werden.

Stiegler: Das ist primär eine Sache der CSU. Uns tut es in Bayern ganz gut, weil die CSU ein Stück weit abgeschminkt ist. Die CSU hatte eine Fassade vor ihren großen Problemen aufgebaut. Die Fassade ist weg.

Aber auch die SPD bietet ihren Mitgliedern ein zerrissenes Bild. Dabei kommt der nächste Wahlkampf in Bayern ganz bestimmt.

Stiegler: Die SPD hatte nach dem Krieg bis zum Rückzug von Willy Brandt 1987 drei Vorsitzende, seither bereits sechs. Wir haben in den letzten Jahren viele Vorsitzende verschlissen, das ist eine Situation, die mich schon nachdenklich macht. Klar sagen die Mitglieder: "Was machen die da oben?" Aber es wird besser in dem Moment, in dem wir zu einer geschlossenen Führung zurückfinden. Die SPD hat in Bayern nach dem 22. Mai gezeigt, dass sie in schwierigsten Zeiten kämpfen kann. Ich bin richtig stolz auf diese Partei.

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