29.07.2004 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Tauziehen um ein Industriedenkmal: Der Maxhütte droht der Abriss Schrottreife Aussichten

Prüfstein der bayerischen Denkmalpflege sei die Maxhütte: so der Vorsitzende des Landesdenkmalrates, Ludwig Spaenle, vor einem Jahr. Wäre es so, müsste man die Denkmalpflege pauschal für schrottreif erklären. Denn genau dies wird mit dem Industriedenkmal passieren: Die Maxhütte wird größtenteils gewinnbringend verschrottet.

von Jürgen HerdaProfil

Dies berichtet Ira Mazzoni in der "Süddeutschen Zeitung", die von einem Stapel Abrissanträgen für die wesentlichen Teile des integrierten Hüttenwerks weiß, die dem Landesdenkmalamt vorliegen. Und selbst die Verweigerung der Zustimmung wird nach dem Stand der Dinge letztlich nur einen Aufschub bedeuten. Denn die Entscheidung liegt nach dem neuen Verfahrensrecht bei der Unteren Denkmalschutzbehörde, also bei der Stadt Sulzbach-Rosenberg, die, mittellos und erpressbar, kaum eine Chance hat, sich dem Ansinnen der neuen Eigentümer, des Aicher Imperiums, zu widersetzen.

Für das mittelständische Unternehmen, zu dem unter anderem die das Rohrwerk in Sulzbach-Rosenberg gehört, ist der in der Maxhütte verbaute Stahl Gold wert. Die Schrottpreise befinden sich derzeit auf einem Sechs-Jahres-Hoch, seit Stilllegung der Hütte 2002 haben sie sich auf dem Weltmarkt mehr als verdoppelt. Die Lechstahlwerke arbeiten mit Elektrolichtbogenöfen, die mit Schrott gefüttert werden. Und das Rohwerk braucht den Stahl aus Meitingen, um weiter produzieren zu können. 425 Arbeitsplätze hängen davon ab.

Zerlegte Kräne

So wird das Denkmal zum preiswerten Rohstofflieferanten. Das Walzenlager wurde bereits nach der Versteigerung am 11. Februar 2003 geräumt. Damals ging das Inventar der Maxhütte für 4,2 Millionen Euro mehrheitlich an das Rohrwerk. Auch die massiven Rollenbänke sind ausgebaut, Kranbahnen und Kräne zerlegt. Die aus dem Denkmalbestand ausgeklammerte Adjustage existiert nicht mehr. Genehmigt wurde auch der Ausbau der Vakuumanlage, die für die Aufrüstung der Meitinger Anlagen vorgesehen ist.

Industriedenkmalpflege, in anderen Regionen seit Jahrzehnten ein selbstverständlicher Teil der Standortpolitik, war in Bayern lange ein Fremdwort. Die Widerstände waren und sind enorm, wie der Präsident der bayerischen Bezirke, Manfred Hölzlein, anlässlich der Eröffnung der beispielhaften Wanderausstellung , "Neuer Nutzen in alten Industriebauten" im Landtag berichtet. Das bayerische Geschichtsbewusstsein wird von Schlössern, Kirchen und Bauernhöfen geprägt.

Nun, so Hölzlein, sei die Erhaltung der Maxhütte "für Bayern besonders wichtig". Immerhin fahren alle Züge in Bayern seit 1863 auf Schienen des Hüttenwerks. Komplett musealisiert sollte die Maxhütte nie werden, aber zumindest einen "aussagefähigen Kernbestand" der Anlage wollte Generalkonservator Egon Greipel erhalten. Und auch Hölzlein hofft noch immer, das Industriedenkmal könne in der strukturschwachen Oberpfalz wichtige "Impulse für den Tourismus setzen".

Gerne verweisen Gegner des Denkmals Maxhütte auf die vielen Hochöfen, die als Landmarken und Leuchtturmprojekte der so genannten Industriekultur im Ruhrgebiet und im Saarland erhalten wurden. Noch einer? Wozu? Aber es geht gar nicht um den alten Hochofen. Es geht um das große Ganze, dieses Hintereinander von Hüttenwerk, Stahlwerk und Walzwerk, mit Hallen und Maschinen, die teilweise ins 19. Jahrhundert zurückdatieren.

Einmaliges Hüttenwerk

Rolf Hoehmann, Leiter des Office for Industrial Archeology in Darmstadt, ein international gefragter Experte, gerät ins Schwärmen, wenn er von der Maxhütte spricht. In Europa einmalig sei dieses integrierte Hüttenwerk, technik- und industriegeschichtlich eine Sensation. Die Chance, gerade dieses Ensemble zu bewahren, so Hoehmann, sei großartig, weil es so klein und überschaubar sei. Ungläubig denkt man dabei an die Abgründe des Stahlwerks, die dunkel monströsen Konverter, die Türme der Stranggussanlage und die massiven Reversiergerüste. Das größte Ensemble der bayerischen Denkmalpflege soll klein sein? Mit verhältnismäßig einfachen Mitteln konservierbar?

Wer die Dimensionen in Völklingen kennt, der erfährt die einst königlich bayerische Unternehmung geradezu als modellhafte Miniatur. Zumal hier eine Technologie entwickelt wurde, die weltweit die Stahlproduktion revolutioniert hat. In Sulzbach-Rosenberg ist die Pioniertechnologie noch vorhanden, während die entsprechenden Vorrichtungen etwa der Hermannshütte in Dortmund schon nach China transferiert wurden. Einmalig auch die seltenen, von Dampfmaschinen betriebenen Walzenzugmaschinen. Nur hier kann man begreifen, wie Eisenbahnschienen nicht nur den bayerischen Wirtschafts- und Kulturraum rasant veränderten. Ohne den Maschinenbestand wäre die 1891 errichtete Walzwerkhalle, immerhin der älteste erhaltene Stahlfachwerkbau in Bayerns, fast wertlos.

Riesenchance vertan

Mit dem Abriss werde eine Riesenchance vertan, meint auch Architekt Peter Brückner aus Tirschenreuth. Das Büro Brückner und Brückner, das zuletzt mit dem Kunstspeicher in Würzburg Preise gewann, war 2002 von der Stadt Sulzbach-Rosenberg beauftragt worden, Denkmodelle für die Zukunft zu entwickeln. Einbezogen wurden Karl Ganser und die Landes Entwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen. Ergebnis: Kahlschlagsanierung wäre um 50 Millionen Euro teurer als eine ,,behutsame Erneuerung in einem engen Wechselspiel von Belassen und Wegnehmen, Sanieren und Entwickeln". Am Hochofen sollte ein neues Entree entstehen. Konverterhalle und Stranggussanlage könnten sich die Brückners als Eventhalle vorstellen. Im Walzwerk wollten sie ein Haus im Haus-Konzept verwirklichen. Hauptsache, der ganze Produktionsdreck bleibt versiegelt, gerät nicht ins Grundwasser.

Seit kurzem bestätigt ein Gutachten des Wasserwirtschaftsamts in Amberg, dass die Kosten für eine umweltgerechte Aufbereitung der Böden im Falle eines Abrisses etwa bei 27 Millionen Euro liegen würden. Blieben die denkmalgeschützten Hallen hingegen stehen, müssten nur einzelne Partien für rund 3,7 Millionen Euro dekontaminiert werden. Doch natürlich hat keiner mit dem aktuellen Schrottpreis kalkuliert und damit, dass sich die ehemaligen Anteilseigner der Hütte, der Freistaat Bayern und Max Aicher, darauf einigen, dass jeder die Hälfte der Kosten für die Bodensanierung trägt. Jetzt plant Aicher, seit kurzem Alleineigentümer des Gesamtareals, ein neues Mischgebiet für Gewerbe und Wohnen. Dafür muss die Maxhütte weg. Was bleibt? Vielleicht der Hochofen als Erinnerungsmal einer gescheiterten Industriedenkmalpflege in Bayern?

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