Trittin und Roth gewinnen auf dem Grünen-Parteitag, Kretschmann verliert - Gabriel beschwört ...
Wahlkampf ohne Zaudern und Zweifel

Da steht er nun, und die Grünen beklatschen ihren Herrn Ministerpräsidenten nach seinem Mea culpa. "Das hab ich ja oft genug gehört, dass es jetzt nicht so taktisch klug war, was ich da gemacht habe in der Steuerfrage", hat Winfried Kretschmann gerade den rund 800 Delegierten auf dem Parteitag gesagt. Aber auch, dass er jetzt froh sei über die Beschlüsse. Dabei hat sich sein interner Gegenspieler Jürgen Trittin auf ganzer Linie durchgesetzt.

Jetzt kann der starke Mann der Grünen auf dem Podium gelassen in den Jubel über Baden-Württembergs Landesvater einstimmen. Trittin lacht und macht eine anfeuernde Geste. Es ist ein Durchmarsch des 58-Jährigen. Die Delegierten winken die von ihm vorbereiteten Forderungen nach höheren Steuern zur Mehrung der Staatseinnahmen ohne auch nur eine substanzielle Änderung durch. Kretschmanns Ermahnungen gegen zu hohe Belastungen in einem Interview unmittelbar vor dem Parteitag verhallen weitgehend ungehört.

Den bisher schon strikten Rot-Grün-Kurs zementieren die Grünen fest. Und als am Sonntag Anti-Gorleben-Aktivisten die von Trittin forcierte, im Grundsatz offene Endlagersuche torpedieren wollen, ist trotz einigen Jubels schnell klar: Daraus wird nichts. Selbstverständlich plaudert SPD-Chef Sigmar Gabriel in der ersten Reihe ausgelassen mit Trittin, nachdem er als Gast auf dem Konvent erschienen ist. Von der anderen Seite, von ihrem Platz rechts, schaltet sich die andere Spitzenkandidatin ein, Katrin Göring-Eckardt.

Lob für Roths Rede

Jetzt feixen die drei. Oben spricht gerade Parteichefin Claudia Roth, die auch gerne Spitzenkandidatin geworden wäre. "Ich setzte auf Rot-Grün, weil das die Reformalternative ist", ruft Roth. Deftige Sprüche, Aufmunterungen und Aussagen zu Flüchtlingen und Minderheiten folgen. Die Delegierten geraten immer mehr aus dem Häuschen. Später wird sie so viel Lob für die Rede hören, wie selten zuvor.

"Jetzt, liebe Claudia, ist alles gesagt", hebt Gabriel nach ihr an. "So machen wir das." Doch dem SPD-Chef fällt doch noch etwas Neues ein. Er beschwört den rot-grünen Wechsel als echte Richtungsentscheidung, fast schon wie 1998, als die Allianz von Gerhard Schröder und Joschka Fischer als Projekt galt. Doch natürlich kann es auch noch etwas anderes für die Partner geben als diese Zweierbeziehung. "Gucken, na ja, das machen wir doch alle irgendwann mal im Leben", sagt Gabriel. Die schnodderige Bemerkung ist auch ein Hinweis auf die großkoalitionäre Option der Roten.
Die Umfragen geben noch keinen rot-grünen Wechsel her. Kurs halten, lautet deshalb Trittins Rezept. "Wir Grünen können mobilisieren", sagt er. "Ab heute kämpfen wir für die Mehrheit in Deutschland." Man brauche, meint er später, rund sechs Millionen Wähler im Herbst. 2009 waren es 4,6 Millionen. Mit dem Programmbeschluss der Grünen ist der Steuer- und Abgabenwahlkampf offiziell eröffnet. Die SPD hat bereits vorgelegt. Doch ob sich Merkel wirklich darauf einlässt, ist noch eine große Sorge der Wunschpartner. Sonst müssen sie sich wieder abarbeiten an einer "Teflonkanzlerin, an der nichts hängen bleibt", wie Roth es sagt.

Und wenn es nichts wird mit dem Machtwechsel im Herbst - was wird dann aus der Grünen-Führungsriege? Göring-Eckardt gilt als gesetzt etwa als Fraktionschefin. Doch würde Trittin eine Niederlage wegstecken können, obwohl er den Wahlkampfkurs bestimmt? Wer ihn nicht so mag bei den Grünen, beschreibt ihn als nervös.

Generationswandel läuft


Und gefühlt schon ewig in erster Reihe stehende Frauen wie Roth, aber vor allem Renate Künast müssten wohl auch um ihre Rolle kämpfen. In den Ländern sammelt die Grünen-Generation 40 plus immer länger Erfahrung - und auch auf dem Parteitag zeugen viele Junge vom Generationswandel.

Da kann Kretschmann schon gelassener auf den Herbst blicken. Er regiert ja schon. Die Wahlperiode im Südwesten dauert noch drei Jahre. Grün-Rot ist hier mitten im Praxistest. Trotz Schwächen auf Berliner Bühne: Noch ist nicht absehbar, ob ihm die Sympathien im Ländle einmal weniger zufliegen als heute.
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