Trotz der Milliardenlasten geht der Blick in die Zukunft - Rettung braucht starke Nerven
Zyprer haben Mut nicht eingebüßt

"Das ist unser Staat. Wir werden ihn verteidigen, koste es, was es wolle." Kyriakos Theodorides, Prokurist in Nikosia, zweifelt nicht, dass seine Landsleute alles tun werden, um Zypern zu retten. Auch die größten Entbehrungen und Verluste ihres Vermögens und Einkommens nehmen die meisten Zyprer hin. Sie reagieren nicht wie in anderen Krisenstaaten wütend auf die harten Einschnitte, die noch bevorstehen. "Wir werden nicht alles kurz und klein schlagen. Das ist keine vernünftige Reaktion", sagt Theodorides und gibt damit die Meinung vieler wieder.

Die Insel hat in ihrer langen Geschichte die Besetzungen der Perser, der Araber, der Kreuzritter, der Osmanen und der Briten sowie eine türkische Invasion überlebt. "Wir werden es auch diesmal schaffen", so ist immer wieder aus Nikosia zu hören.

Dramatischer Absturz

Präsident Nikos Anastasiades sieht die Gefahren des dramatischen Absturzes: Die Arbeitslosigkeit steigt dramatisch. 15 Prozent waren es im März, noch vor einem Jahr lag die Arbeitslosenquote knapp unter zehn Prozent. Deshalb will er dringend Hilfen von der Europäischen Union (EU), Subventionen und Wachstumsförderung. Wenn sich auch keine Gewalt Bahn bricht - Zorn und Verzweiflung herrscht schon in den Straßen der Hauptstadt Nikosia: "Wut? Natürlich hab ich jede Menge, aber was nützt das? Wir müssen einfach durch", sagt Manos Sakellios, Inhaber eines Schuhgeschäftes an der Onasagorou Straße im Fußgängerviertel. Durchstehen. Das ist der Kern der Krisenphilosophie der Zyprer.
So paradox es klingt: Seit das "harte Experiment" startete, wie viele das Abladen der enormen Bankenprobleme bei den Bankkunden nennen, schauen die Menschen nach vorn. Ihre Frage: "Wie kommen wir aus dieser Krise heraus?" Die meisten Bürger ziehen mit, anders als im benachbarten Mutterland Griechenland, wo Politik und Bürger die Konfrontation suchen - und dabei immer wieder die Umsetzung der Reformen aus den Augen verlieren.

Zyperns anderer Weg ist in der Geschichte begründet: Ihren Staat haben die Zyprer nach einem harten Antikolonialkampf gegen die Briten im Jahr 1960 selbst gebildet. Die positiven Elemente der britischen Verwaltung übernahmen sie. "Unsere Verwaltung wirkt wie Schmieröl und nicht wie Sand im Getriebe des Staates", erklärt ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums.

Es gibt gut ausgebildete und fähige Beamte. Korruption im Maße wie in Griechenland existiert auf Zypern nach Einschätzung von Beobachtern nicht. Zypern hat nur rund 860 000 Einwohner. "Wir sind sozusagen wie Köln. Etwa eine Million Menschen. Nur wir leben auf einem größeren Gebiet", sagt die Journalistin Ralli Papageorgiou. Jeder kenne praktisch jeden, die Probleme ließen sich dadurch leichter lösen.

Fehler eingestanden

Auch wird kein Hehl daraus gemacht, dass man Fehler begangen hat. Jetzt sei die Zeit gekommen, "dafür zu bezahlen", sagt Finanzminister Charis Georgiades. Die meisten politischen Kräfte sehen die Zukunft der Insel in der Europäischen Union. Dies gilt vor allem, nachdem die Hoffnung auf Hilfe durch den großen "orthodoxen Bruder" Russland sich als Fata Morgana erwiesen hat. Abgeflaut sind erst einmal die Debatten um einen Austritt aus der Euro-Zone.

Die dramatischen Folgen eines solchen Schrittes vor Augen, schlug selbst die einflussreiche Kirche mit ihrem Erzbischof Chrysostomos zuletzt leisere Töne an. Die Kirche sei zwar "konservativ und manchmal populistisch, sie ist aber nicht dumm", sagt Symeon, ein Barbesitzer in der Hochburg der linken Szene Zyperns im Stadtviertel Faneromeni in Nikosia. Erzbischof Chrysostomos versprach, den Menschen zu helfen. Die Kirche werde dafür sogar die Kommunionskelche verpfänden. Allerdings herrscht große Unsicherheit, ob das Experiment Zypern wirklich gut enden wird. Sollten die Menschen auf der Mittelmeerinsel sehen, dass trotz der harten Maßnahmen immer neue Sparauflagen verhängt werden, dann könnte die Stimmung umschlagen. Doch bislang ist der Mut der Zyprer nicht verschwunden - während im benachbarten Griechenland eine soziale Explosion immer wahrscheinlicher wird.
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