14.01.2012 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Turbulente Ereignisse mit Gerichtsnachspiel - Ex-Staatsbediensteter muss 15 Monate absitzen Als der Müllsack an den Finger flog

Es ging zu wie bei der Erörterung großer Kriminalfälle. Erst ein Heer von Zeugen, dann auch noch der erfolglose Versuch, sechs namhafte medizinische Sachverständige zur geistigen Beurteilung des Angeklagten herbei zu holen. Dabei ging es eigentlich nur um Beleidigungen und eine Körperverletzung, begangen mit dem Wurf eines gefüllten Müllsackes.

von Autor HWOProfil

Das Spektakel vor einer Strafkammer des Landgerichts Amberg, über kleinere Strecken hinweg lautstark geführt, begann mit einem knapp einstündigen "Einführungsreferat" des Beschuldigten. Der Mann, ein frühpensionierter Staatsdiener aus dem Landkreis Schwandorf, verlas dabei eine mit Paragrafen und juristischen Kommentarstellen gespickte Erklärung, in der er zum Abschluss darauf pochte, dass die nun zur Aburteilung der Berufungsinstanz vorliegende Causa vom Staatsanwalt niemals hätte angeklagt werden dürfen.

Die Strafkammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Dr. Wolfgang Schmalzbauer hörte aufmerksam zu, sah aber keinerlei Grund, die Vorkommnisse nicht zu prüfen. Womit dann fünf teilweise qualvolle Stunden begannen, in denen die Ereignisse eingehend erörtert und beispielsweise Fragen wie diese geklärt werfen mussten: Kann ein Mensch auf genau ausgemessenen 21 Metern hören, dass Schimpfworte fielen?

Die Antwort: Dieser Mensch konnte. Es handelte sich um den 14-jährigen Sohn einer Frau, die im Anwesen des 54 Jahre alten Angeklagten in einer Kellerwohnung lebt. Als sie eines Tages mit Mietkürzung drohte, sollen Beleidigungen wie "Halt die Fresse", "Sau" und "Pritsch'n" gefallen sein. Das war im April letzten Jahres. Im Juni gab es erneuten Zwist, wurde die 36-Jährige durch einen in ihre Richtung geworfenen Müllbeutel am linken Zeigefinger verletzt. So arg, dass eine Prellung attestiert und ein Verband angelegt wurde.
"Diese Taten habe ich nicht begangen", meldete sich der Angeklagte entrüstet zu Wort. "Doch, das war so", wurde ihm von der Mieterin begegnet. Man erfuhr dann fast im gleichen Atemzug, dass die Frau schon gut ein Dutzend Anzeigen bei der Polizei gegen ihren Quartiergeber erstattet hatte.

Geldstrafe in Erstinstanz

Vor ein paar Monaten waren die Vorgänge in Schwandorf beim Amtsgericht verhandelt worden. Dabei setzte es 3000 Euro Geldstrafe für den ehemaligen Staatsbediensteten, der seit Jahren versucht, wieder seine Arbeitsstelle zu bekommen. Die Ahndung per Geldbuße hätte der Mann besser akzeptieren sollen. Die Strafkammer hob nämlich nun die erstrichterliche Entscheidung auf und verurteilte den 54-Jährigen zu 15 Monaten Haft ohne Bewährung. Dies geschah unter Einbeziehung einer Vorverurteilung und mit Blick darauf, dass da schon einiges im Strafregister stand.

Bevor es dazu kam, wurde erst noch gewaltiges Geschütz aufgefahren. Gemeinsam mit seinem Mandanten stellte der Verteidiger Dr. Hans-Wolfgang Schnupfhagn (Weiden) eine Reihe von Beweisanträgen. Sechs großteils sehr renommierte medizinische Sachverständige sollten geladen, ein akustisches Gutachten in Auftrag gegeben und der "Tatort" besichtigt werden.
Außerdem wurde der Amberger Landgerichtsarzt Dr. Reiner Miedel als Gutachter abgelehnt. Miedel hatte während des Prozesses geäußert, er halte den Beschuldigten für einen Menschen, "der in seiner Persönlichkeit gestört ist" und erntete dafür tiefe Empörung des Angeklagten. Die Ablehnung Miedels wurde von der Strafkammer zurück gewiesen, sie schloss sich in der Urteilsbegründung seiner Ansicht an. Außerdem wurden alle weiteren Beweisanträge abgeschmettert.

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