03.06.2011 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Um Tätigkeit der Feldgeschworenen ranken sich Sagen - Satelliten lassen Tradition verblassen Wahrer des Siebenergeheimnisses

Wo der Hohlweg von Luhe nach Rattenberg führte, hörte ein Betrunkener auf dem Nachhauseweg in einer Mondnacht eine Stimme klagen. "Wohin soll ich ihn legen?" Mutig antwortete der Angesprochene: "Tu ihn halt in Gottes Namen dahin, woher du ihn genommen hast!" Da plumpste ein Grenzstein zu Boden. Nun meldete sich die Stimme erneut. "Jetzt bin ich erlöst." Seit jener Zeit vernahm man nichts mehr von dem Spuk.

von Autor SEFProfil

Georg Kiener, der 40 Jahre in Luhe als Feldgeschworener tätig war, kennt noch mehr Sagen aus der Region, die sich um Grenzsteine und Grenzen sowie das Siebenergeheimnis ranken. In der Realität sind Personen wie der 2004 verstorbene Kiener geschätzt, die für die Kennzeichnung von Grundstücksgrenzen sorgen. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in einer Gemeinde.

Genannt werden diese Fachleute Feldgeschworene, Feldrichter, Untergänger, Landscheider, Feldscheider, Gescheidsleute, Märker, Marker, Markmeister, Markmänner, Steiner, Steinsetzer, Rainer, Messer, Feldmesser, Kundschafter, Gemainer oder Eidbrüder.

Neue Feldgeschworene werden nicht bestimmt, sondern von den bisherigen Amtsinhabern gewählt. Das bewahrte ihnen durch alle Zeiten Unabhängigkeit vom Gemeinderegiment.

Amtsträger wählen selbst

"Der Bürgermeister trägt dafür Sorge, dass die für die Gemeinde festgelegte Zahl von Feldgeschworenen vorhanden ist. Zur Wahl eines Feldgeschworenen durch die noch vorhandenen Feldgeschworenen ist die Beteiligung von mindestens zwei Dritteln der bisherigen Feldgeschworenen erforderlich", heißt es in der entsprechenden Ordnung von 1981.
Es gibt aber auch Fälle, in denen eine solche Wahl nicht mehr möglich oder zulässig ist. Dann tritt der Gemeinderat in Aktion. Er wird auch tätig, wenn die Kommune überhaupt keine Feldgeschworenen hat. Will der Gemeinderat deren Zahl erhöhen, bestimmt er die zusätzlichen Kräfte selbst. Ein dritter Fall liegt vor, wenn es weniger als drei Amtsträger gibt. Sie wären ein zu kleines Gremium für eine Wahl.

Über einen tadellosen Leumund, genaue Ortskenntnisse, Fingerspitzengefühl und Unparteilichkeit müssen Feldgeschworene verfügen. Man bezeichnet sie als "Diener dreier Herren". Gemeint sind die Grundstückseigentümer, die Rechtsaufsicht (Kommune) und die Fachaufsicht (Vermessungsamt).

Seit jeher war es besonders verwerflich, Grenzsteine zu versetzen und sich damit fremden Besitz anzueignen. Grenzfrevlern drohten drakonische Strafen. Am 18. August 1694 verurteilte der Luher Richter einen Bauern wegen zu umfangreichen Beackerns eines Feldrains und des dabei ausgehobenen Marksteins zur empfindlichen Geldbuße von einem Gulden und 30 Kreuzern.

Drei Tage Gefängnis

1710 ist im Verhörprotokoll des Richteramts Luhe ein weiterer Fall vermerkt. Ein Kuhhüter versetzte zur Erweiterung seines Bereichs einen Markstein. Für diesen Übergriff wurde er zu drei Tagen Gefängnis und drei Stunden Stock verurteilt. Ein "Stock" war ein schwerer Holzblock mit Öffnungen für Hände und Füße zum Einschließen.

Die aktuelle Rechtsordnung ist ebenfalls nicht zimperlich. "Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer einen Grenzstein oder eine andere Bezeichnung einer Grenze oder eines Wasserstandes wegnimmt, vernichtet, unkenntlich macht, verrückt oder fälschlich setzt. Auch der Versuch ist strafbar."

1905 findet man Georg Müller und Martin Knorr als Feldgeschworene der Gemarkung Luhe. Sie wurden 1914 von Melchior Kick, Matthias Brunner und Anton Hirmer abgelöst. 1964 waren Johann Donhauser, Hans Paulus und Kiener bestellt. Ihnen folgten bis zum heutigen Tag Hans Werner und Karl List. Vor dem Bürgermeister hatten sie folgenden Eid - deshalb "Geschworene" - abzulegen: "Ich schwöre gewissenhafte und unparteiische Erfüllung meiner Amtspflichten, Verschwiegenheit und zeitlebens Bewahrung des Siebenergeheimnisses."

Material besorgen

Der Feldgeschworene ist verpflichtet, an Vermessungen teilzunehmen. Teilt ihm die Kommune Termin und Ort mit, muss er sich bei der Gemeinde um die Bereitstellung von Grenzsteinen, Fluchtstäben, Tonrohren zur unterirdischen Versicherung der Marksteine, Sperrschildern und Grabwerkzeug kümmern.

Eng arbeitet er heute mit dem Staatlichen Vermessungsamt zusammen. Üblicherweise wird ein 50 bis 70 Zentimeter langer, quaderförmiger Grenzstein aus Granit eingegraben, in den oben ein Kreuz eingeritzt ist. Früher nahm man auch Findlinge aus Gneis oder Granit. An Mauern und auf Gehwegen werden immer häufiger unscheinbare Metallbolzen eingeschlagen. In Gräben und Feuchtgebieten sind Eichenpflöcke anzutreffen.

Ist eine gerade Flucht vorhanden, werden die Steine in Sichtweite gesetzt. Beim sogenannten "Bruch" einer Grenze sind zusätzliche Zeichen erforderlich. Gleich nach der Vermessung wird ein Protokoll erstellt, verlesen und unterzeichnet.

Sagenumwoben ist das legendäre Siebenergeheimnis. Unter dem Siegel strengster lebenslanger Verschwiegenheit wurden überlieferte Zeichen, die "Marksteinzeugen" den Grenzsteinen unterlegt. Das sind beispielsweise Tonscherben in einer bestimmten Anordnung. Mit ihrer Hilfe war es möglich, den richtigen Ort eines Marksteines festzustellen.
In Zeiten satellitengestützter Vermessung und der Erfassung von Katastern durch Computer ist man von dieser traditionellen Sicherung vielerorts abgekommen. Zwar bereitet es nun keine Probleme mehr, mit Hilfe modernster Methoden Grenzlinien nachzuvollziehen, doch läuft wieder eine uralte Sitte Gefahr, in Vergessenheit zu geraten und endgültig unterzugehen.

Toter klagt im Wirtshaus

Zum Siebenergeheimnis hatte Kiener zu Lebzeiten noch folgende Sage weitergegeben: Die uralten Zeichen - das Siebenergeheimnis - soll ein betrunkener Feldgeschworener vor langer Zeit ausgeplaudert haben. Kurz darauf starb er unter mysteriösen Umständen. Als am folgenden Tag nach Mitternacht noch Männer in einem Luher Wirtshaus fröhlich becherten, hörten sie auf einmal die Stimme des Toten laut klagen. Erschrocken bekreuzigten sich die Zecher und verließen kreidebleich die Gaststube.

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