25.02.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

US-Militärgemeinde Vilseck freut sich über Rückkehr der Soldaten aus dem Irak - Sorge wegen ... "Kein Sand mehr, Du bist wieder zu Hause"

In der rechten Hand hält Ashton noch das kleine Fähnchen, mit dem sie kurz zuvor den US-Soldaten zugewunken hat. Jetzt zählt nur noch einer: ihr Papa. Ganz eng schmiegt sich das vier Jahre alte Mädchen an den baumlangen Offizier. Auf seinem Arm fühlt sie sich geborgen. Kostbare Minuten des Wiedersehens, die nicht lang genug dauern können.

Der 33 Jahre alte Hauptmann Paul A. Fowler lebt mit seiner Familie in Hahnbach. Er war mit seiner Einheit auch in Falludscha. (Bilder: Unger)
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Eines ist sicher: An diesem Tag könnte Hauptmann Paul A. Fowler seine kleine Tochter ewig in seinen Armen wiegen.

Gut ein Jahr hat der 33 Jahre alte Soldat seine Familie nicht gesehen - unterbrochen von nur zwei Wochen Urlaub vor zehn Monaten. Der Kontakt beschränkte sich auf E-Mails und gelegentliche Telefonanrufe. Eine lange Zeit der Trennung. "Es ist ist gut, ihn wieder hier zu haben", freut sich Robin Fowler. Glücklich und erleichtert, dass ihr Mann den Einsatz im Irak ohne Verletzungen überstanden hat.

Die Videokamera, mit der sie die Begrüßungszeremonie in der Turnhalle der "Rose Barracks" in Vilseck (Kreis Amberg-Sulzbach) festgehalten hat, hat Robin Fowler aus der Hand gelegt. Jetzt liegt sich die Familie aus Irlbach bei Hahnbach (Kreis Amberg-Sulzbach) in den Armen: Vater, Mutter und die Kinder - die vierjährige Ashton und der sechs Jahre alte Julian.

Der Kompaniechef gehört zum 2. Bataillon 63. Panzerregiment. Der Offizier ist einer der 2000 Soldaten der 3. Brigade der 1. US-Infanteriedivision, die derzeit aus dem Irak in ihren Standort am Rand des Truppenübungsplatzes zurückkommen - bis auf 27 US-Soldaten, die im Irak ihr Leben verloren haben. Am Donnerstag kam auch Brigadekommandeur Dana J.H. Pittard zurück. Ihn begrüßten auch Landrat Armin Nentwig und der Bürgermeister von Vilseck, Hans-Martin Schertl: "Ich bin froh, dass die Brigade wieder zurück ist."

Überall Botschaften

An manchen Tagen treffen 200 Soldaten in Vilseck ein, an anderen sind es nur 20. Sie alle werden überschwänglich begrüßt. Es gibt keinen Zaun und keinen Laternenmasten, der nicht mit Plakaten geschmückt ist. "Willkommen zu Hause Daddy", oder "Wir haben Dich vermisst!" oder "Wir sind so stolz auf Dich". So oder ähnlich lauten die verschiedenen Soldaten gewidmeten Botschaften. "Kein Sand mehr, Du bist wieder zu Hause, Room 9 und Ally 5", kündet ein Bild, das von zwei Kindern gemalt worden ist.

Auch die Wände der Turnhalle zieren Plakate. Hier findet die offizielle Begrüßung statt. Vorher ist es den Familien nicht möglich, sich zu sehen. Auf der Tribüne warten erwartungsvoll Frauen und Kinder. Als die Soldaten in die Halle einziehen, brandet Jubel auf. Ein Geistlicher spricht ein Gebet. Dann eine Ansprache und das ersehnte Kommando: "Wegtreten." Endlich können sich die Familien begrüßen. Dieser Abend gehört ihnen. Am nächsten Morgen beginnt für die Soldaten ein neuer Kampf. Sie müssen jetzt ihren Weg zurück ins normale Leben finden.

M.A.S.H. im Wartezimmer

Bevor sie für 30 Tage in den Urlaub gehen können, absolvieren die Soldaten ein sechstägiges Reintegrationsprogramm. Es gilt, die Papiere zu überprüfen oder Auto und Möbel aus dem Depot bringen zu lassen. Alleinstehende müssen sich ein neues Quartier zuweisen lassen. Dazu kommen medizinische Untersuchungen und psychosoziale Beratungen.

Damit alles an einem Platz erledigt werden kann, hat die Armee sechs Zelte aufgestellt. Das Konzept hat der Kommandeur der US-Armee in Europa, General B.B. Bell, angestoßen, erzählt Greg Fobell. Der Projektmanager hat 1,4 Millionen US-Dollar für das Integrationszentrum investiert. Die 640 Quadratmeter großen Zelte sind komfortabel ausgestattet. Auf großen Plasmabildschirmen laufen US-TV-Serien zur Unterhaltung - im Warteraum des Sanitätszeltes läuft die im Koreakrieg spielende Serie M.A.S.H.. Zudem gibt es kostenlos Kaffee und Softdrinks. Nur die Pizzas müssen die Soldaten selbst bezahlen.

Den Soldaten stehen die Strapazen ins Gesicht geschrieben. Bei vielen geht in ruhigen Minuten der Blick ins Leere - welche Bilder im Kopf ablaufen, wissen nur sie selbst. Eine Studie des US-Heeres, die im Sommer 2004 veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass 17,1 Prozent mit psychischen Problemen nach Hause kommen. Sie leiden an Schlafstörungen, Depressionen, Angstzuständen und anderen Traumatas.

Noch aber sind die Soldaten "im Honeymoon", sagt der Geistliche Paul Kauffman, der zusammen mit Psychologen und Sozialarbeitern die Rückkehrer betreut: "Alle sind glücklich, wieder hier zu sein." Erst während der nächsten Wochen würden sich Symptome einstellen, erläutert er. Selbst nach einem normalen Arbeitstag brauche man eine Stunde, um zur Ruhe zu kommen. "Fragen Sie Ihre Frau", sagt Kauffman. Jeder könne sich vorstellen, wie lange es nach einem Jahr im Kampfeinsatz dauere.

Es sind Erlebnisse wie die, die Hauptmann Fowler erzählt, die Soldaten in seelische Krisen stürzen. Zusammen mit seiner Kompanie war er im November bei der Eroberung der irakischen Stadt Falludscha dabei. Dabei ist direkt hinter ihm Oberstabsfeldwebel Stefen W. Faulkenberg gestorben. Der 45-jährige Familienvater habe zwar nicht zu seiner Einheit gehört, aber er habe ihn gut gekannt: "Von da an hat mich der Einsatz auch persönlich betroffen gemacht."

Die Familie zählt

Zugleich betont Fowler aber: "Ich hatte Glück: Keiner meiner Männer wurde verletzt." Darauf weist auch Hauptfeldwebel James Woody hin. Der Unteroffizier wohnt mit seiner Frau in Kaltenbrunn (Kreis Neustadt/WN). Stress hätten aber nicht nur die Kämpfe, sondern auch der harte Dienst bedeutet. "Zum Glück waren wir sonst in einer ruhigeren Gegend. Dort gab es weniger Anschläge", betont der 40-Jährige. Zusätzlich zu den Ratschlägen, wie diese psychischen Störungen zu erkennen, wie sie damit umgehen sollen und wo es Hilfe gibt, erhalten die Soldaten eine Familienberatung.

Sozialarbeiterin Simone Hartley mahnt, nur wenn das Vertrauensverhältnis stimme, könnten sich die Partner gegenseitig helfen. Auf seine Familie und Freunde zählt auch Paul A. Fowler, obwohl der Offizier, wie er sagt, keine Angst hat, dass die Bilder aus dem Irak-Einsatz wiederkehren.

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