31.10.2009 - 00:00 Uhr
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Vor 60 Jahren stirbt Nabburgs erste Nachkriegs-Rektorin Maria Günthner Tüchtige und integre Frau

Am 1. September 1948 wurde Maria Günthner zur Rektorin der Volksschule Nabburg berufen und gehörte damit zu den wenigen bayerischen Lehrerinnen, die damals in diese Führungsposition aufrückten. Am 14. Oktober 1949 musste sie sich im Kreiskrankenhaus an der Regensburger Straße (Zieglervilla) einer Operation unterziehen, deren Folgen sie am 28. Oktober - vor 60 Jahren - überraschend erlag.

von Autor SEFProfil

Maria Günthner erblickte am 15. Januar 1886 in Waldsassen das Licht der Welt. Sie war das fünfte von sieben Kindern des Bahnwärters Josef Günthner und dessen Ehefrau Anna, geb. Wührl. Nach dem Besuch der Volksschule trat sie in die Vorbereitungsschule und Lehrerinnenbildungsanstalt der Zisterzienserinnen im Kloster Waldsassen ein. Der Seminarabschlussprüfung musste die Achtzehnjährige jedoch 1904 an der Lehrerbildungsanstalt Amberg unterziehen. Anschließend unterrichtete die junge Hilfslehrerin in Tröbes bei Moosbach, Thanstein und Altenstadt bei Vohenstrauß.

In Nabburg war die Volksschule seit 1913 fünfklassig, bestand also aus den Jahrgangstufen 1, 2 + 3, 4 + 5, 6 + 7 Knaben und 6 + 7 Mädchen. 1915 war Schulgehilfin Therese Fischer im Alter von nur 30 Jahren krankheitsbedingt pensioniert worden. Um die freie Stelle bewarb sich nun Maria Günthner. Die Regierung der Oberpfalz versetzte sie am 1. März 1915 nach Nabburg und ernannte sie zur definitiven Lehrerin mit einem Jahresgehalt von 900 Mark. Das war weniger, als ein männlicher Kollege verdiente.
Neben ihrer pädagogischen Tätigkeit war sie zur Chorbeihilfe verpflichtet. Unterkunft fand die neue Lehrerin im Obergeschoss des Hauses Nr. 22 unterhalb des Rathauses (heute Sackwebergasse 3) beim Orthopädie-Schuhmachermeister Karl Zimmermann. In der Folgezeit unterrichtete sie jüngere und ältere Jahrgänge, wobei die Oberlehrer Rupert Limmer, Max Stoll und Karl Scharrer ihre Vorgesetzten waren.

Einzige ohne Unterbrechung

Nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes öffnete die Volksschule nach monatelanger Zwangspause im Oktober 1945 wieder ihre Pforten. Hauptlehrerin Maria Günthner war zu diesem Zeitpunkt die einzige weltliche Lehrkraft, die ohne Unterbrechung sofort wieder ihre Tätigkeit aufnehmen durfte, und zwar gleich als kommissarische Schulleiterin.

Am 1. September 1948 wurde sie dann offiziell zur Rektorin der Volksschule Nabburg berufen und gehörte damit zu den wenigen bayerischen Lehrerinnen, die damals in diese Führungsposition aufrückten.
Hatte sie bisher mehr im Verborgenen gewirkt, kam jetzt die große Zeit der tüchtigen und integren Pädagogin. Sie schaffte es unter Einsatz aller Kräfte, trotz chaotischer Umstände (fehlende Räume, Abteilungsunterricht, mangelhafte Möbel und Lehrmittel) den Unterrichtsbetrieb für rund 700 Kinder wieder in Gang zu setzen. Die größte Herausforderung war die Eingliederung der 150 Flüchtlingskinder, die vor allem aus dem Sudetenland und aus Schlesien hier "gestrandet" waren. Doch bald konnte sie Schulrat Anton Haag berichten: "Die Nabburger Schulkinder sind alle anständig, ordentlich und verträglich. Einheimische und zugewanderte Buben und Mädchen verstehen sich sehr gut. In den Klassengemeinschaften zeigt sich ein friedliches und hilfsbereites Zusammenleben."

Essen für hungrige Kinder

In Maria Günthners Amtszeit fiel auch die mit großem Organisationsaufwand und persönlichem Einsatz verknüpfte Schulspeisung, die am 28. Mai 1947 begann und bald 400 unterernährte Kinder einmal täglich mit dem Allernötigsten versorgte. "Die Ausgabe der Schulspeisung beeinflusst die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sehr günstig. Viele Kinder kommen ohne Frühstück oder ausreichendes Mittagessen in die Schule. Bei Hunger sind Aufmerksamkeit und Lernfreude aber nur schwer zu erreichen. Da ist die wohlschmeckende und reichliche Speisung ein vorzügliches Mittel, Fleiß und Interesse am Lernen zu steigern und damit die Leistungen zu verbessern. Weil es immer etwas Gutes gibt, will kein Kind die Schule versäumen. In Krankheitsfällen wird oft das Essen von Erwachsenen für das Kind heimgeholt", so der Bericht der Schulleiterin an den Stadtmagistrat Nabburg.
Im Mai 1947 hatte Maria Günthner die von Kultusminister Alois Hundhammer im gesamten Freistaat Bayern angeordnete Befragung zur körperlichen Züchtigung durchzuführen. Diese Art der Bestrafung war nämlich seit 5. Juni 1946 offiziell untersagt und man dachte jetzt über eine Revision nach. Für die Wiedereinführung der Tatzen stimmten 352, dagegen waren 279 der Nabburger Eltern.

Mittlerweile unterstanden 18 Lehrkräfte, 14 Frauen und vier Männer, der tüchtigen Schulleiterin, die im März 1947 die ersten Klassenelternversammlungen einberief. Die Anteilnahme der Mütter und Väter war verständlicherweise groß und die Aussprachen über Erziehungs- und Unterrichtsfragen verliefen lebhaft.

Eine besondere Überraschung hielt die Weihnachtsfeier 1947 bereit, weil alle Schulkinder mit Päckchen des amerikanischen Jugendrotkreuzes beschenkt wurden. Endlich trafen auch die neuen Fibeln für die Erstklässler ein. Welch ein Lichtblick auf dem Lehrmittelsektor! Was die Schulhefte betraf, dauerte es aber noch bis Februar 1948, als sie geliefert wurden. Bis dahin mussten sich die anspruchslosen Mädchen und Buben mit losen Blättern behelfen.
Die Währungsreform am 20. Juni 1948 bewirkte, dass über Nacht Hefte, Griffel, Federn, Tafeln und weitere Schulartikel angeboten wurden. Allerdings setzte das "Kopfgeld" von 40 DM den Familien enge Grenzen, die auch die Schulspeisung beeinträchtigten. Sie wurde nun von vielen Kindern abbestellt, weil die Eltern sie nicht mehr bezahlen konnten. Schulleiterin Günthner erlebte noch eine andere Einbuße: Das ohnehin kärgliche Guthaben auf dem Schulkonto von 75,35 RM wurde 10:1 abgewertet.

Klassen in vier Gebäuden

Immer noch waren die Klassen der Volksschule Nabburg auf vier Gebäude (Schule, Jugendwerk, Rathaus, Kloster) verteilt, was die Tätigkeit der Rektorin sehr erschwerte. Deshalb plante die Stadt Nabburg trotz prekärer Finanzlage den Neubau eines ausreichend großen Gebäudes und erwarb für 17 500 DM den Sittl-Acker an der Kemnather Straße. Doch die Verwirklichung dieses längst überfälligen Vorhabens, das die seit Jahrzehnten bitter beklagte Schulraumnot beheben sollte, durfte Maria Günthner nicht mehr erleben. Am 14. Oktober 1949 musste sie sich im Kreiskrankenhaus an der Regensburger Straße (Zieglervilla) einer Operation unterziehen, deren Folgen sie am 28. Oktober - vor 60 Jahren - überraschend erlag.

Trauernd am offenen Grab

Am Tag vor Allerheiligen standen Lehrerschaft, Schulkinder und Bevölkerung trauernd am offenen Grab der Rektorin. Auch ihre noch lebenden Geschwister Xaver, Anna und Franz waren zu den Exequien nach Nabburg gekommen. Letzterer hatte den geistlichen Stand gewählt und 1908 die Priesterweihe empfangen. 1937 berief ihn Bischof Michael Buchberger ins Domkapitel. Später wurde der Päpstliche Hausprälat Offizial (Vorsteher der kirchlichen Gerichtsbehörde) und Domdekan (Verantwortlicher für die Liturgie und Musik im Dom).

Welcher Wertschätzung sich Rektorin Maria Günthner erfreute, zeigt der herausragende Ehrenplatz der letzten Ruhestätte. Sie befindet sich beim Portal der Friedhofskirche neben dem Priestergrab und wird bis heute von ehemaligen Schülerinnen geschmückt.

Mit der Leitung der Volksschule wurde Josef Messerer beauftragt.

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