08.09.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Vorläufige Bilanz des Versagens der US-Regierung - Hurrikan stürzt US-Präsidenten in ein ... George W. Bush droht ein "Katrina-Gate"

Zwei Ereignisse haben die amerikanische Gesellschaft im neuen Jahrtausend nachhaltig geprägt. Eines liegt vier Jahre zurück und jährt sich am Sonntag. Nach den verheerenden Terroranschlägen vom 11. September 2001 versammelte sich die Nation geschlossen hinter US-Präsident George W. Bush.

Auch die medienwirksamen Umarmungsversuche des Präsidenten bei seinen Besuchen im Katastrophengebiet lassen Kritiker nicht verstummen. (Bild: AFP)
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Eine Welle des Patriotismus erfasste das Land. Mit seinem Auftritt bei den Feuerwehrleuten auf "Ground Zero" in New York, als er inmitten der rauchenden Trümmer der beiden eingestürzten Hochhaustürme des World Trade Centers einem der Männer seinen Arm um die Schulter legte und Vergeltung schwor, gewann der Präsident die Herzen der Amerikaner.

Alle Bürger, selbst die oppositionellen Demokraten und Kritiker stützen die Politik der konservativen Regierung. Die Medien schalteten sich selbst faktisch gleich. Die Zustimmungswerte für den Präsidenten schossen in ungeahnte Höhen. Ein Pfund, mit dem George W. Bush lange Zeit wuchern konnte. Für die US-Gesellschaft war es selbstverständlich, den von ihm ausgerufenen "Krieg gegen den Terrorismus" zu unterstützen. Selbst in den Krieg gegen den Irak folgten die Amerikaner ihrem Präsidenten bedenkenlos, trotz der mehr als eindringlichen Warnungen, die aus Europa kamen.

Die gleichen Menschen, die ihm einst bedingungslos folgten, blicken heute fassungslos auf George W. Bush, der zunächst im komfortablen Sessel in der Präsidenten-Maschine "Airforce One" über die vom Hurrikan "Katrina" verwüstete Gebiete hinweg fliegt - nachdem er viel zu spät reagiert hat. Als alle Welt längst das Ausmaß der Naturkatastrophe sah, machte er noch seelenruhig Urlaub auf seiner Ranch in Texas, nahm dann noch an einer Benefizveranstaltung in San Diego teil, ehe er sich zum neuen "Ground Zero", in den verwüsteten Süden aufmachte.

"Warten auf einen Führer", "Gejagt vom Zögern" oder "Eine Ich-kann-nichts-tun-Regierung" sind nur einige der Kommentarüberschriften aus der Zeitung "New York Times" in den zurückliegenden Tagen. Die US-Medien haben ihre Beißhemmung abgelegt. Selbst der für seine Präsidenten-treue berüchtigte konservative Nachrichten-Kanal Fox News kritisiert mittlerweile das Versagen von George W. Bush und seiner Regierung.

Drei Tage untätig

Denn drei Tage blieb die Regierung von George W. Bush untätig, ehe sie begann, Hilfe für die verheerend vom Hurrikan getroffenen Bundesstaaten Louisiana, Mississippi und Alabama auf den Weg zu bringen.

Das Vertrauen der Amerikaner in den Präsidenten ist endgültig dahin, nachdem er bereits in den Wochen zuvor wegen der sich verschlechternden Situation im Irak in den Umfragen abgestürzt war. George W. Bush ist am tiefsten Punkt seiner Karriere als US-Präsident. So eilt er im Katastrophengebiet von Besuch zu Besuch.

Doch es ist offensichtlich, der Republikaner versucht vor allem sein Ansehen und das seiner Partei zu retten. Denn in einem Jahr stehen Kongresswahlen an. Und möglicherweise kämpft der Präsident bald sogar um sein Amt. Denn noch hat der politische Sturm nicht seine volle Kraft erreicht, noch ist er nicht zum "Katrina-Gate" geworden.

Wie so oft zuvor, versuchen George W. Bush und seine Mannschaft die Wahrnehmung der Bürger von der Realität nach ihren Vorstellungen zu formen. Doch diesmal durchschauen die Menschen die PR-Strategie der Regierenden und ihrer Helfer.

Die Liste des Versagens ist lang. Die neu geschaffene Heimatschutzbehörde ist zu sehr auf den Kampf gegen den Terrorismus ausgerichtet, der Schutz vor Naturkatastrophen ist nachrangig. Vor zwei Jahren wurden die Finanzmittel gekürzt, die das Pionierkorps der US-Armee für die Erhaltung und den Ausbau der Deiche zugewiesen bekommt. Eine Folge des anhaltenden Konflikts im Irak und der Steuersenkungen.

Dabei waren Regierung, Politiker und Behörden gewarnt. Vor den Anschlägen vom 11. September 2001 listete die Föderale Notstands-Management Behörde (FEMA) die drei am wahrscheinlichsten Katastrophen auf: einTerrorangriff auf New York, ein großes Erdbeben in San Francisco und ein Hurrikan über New Orleans. Folgen hatte diese Warnung nicht.

Zu all dem kommt die Ideologie der Republikaner, die Eigenverantwortlichkeit und Individualismus sowie weniger Staat predigen. Was das bedeutet ist in New Orleans zu besichtigen: Es gab nur einen Aufruf, freiwillig die Stadt zu verlassen. Nur wer Geld hatte, kam weg. Es geht um Klasse, aber auch um Rasse. Wer kein Auto hatte, konnte nicht fliehen.

Und ein Drittel der Schwarzen in New Orleans besitzt keine Auto. Deshalb traf es vor allem Schwarze. Niemand kam auf die Idee bevor der Hurrikan New Orleans erreicht Busse zu schicken oder anzufordern, auch die Kommunalpolitiker nicht, die jetzt Richtung Washington zeigen. So traf der Hurrikan vor allem jene Schicht der US-Bürger, die die Hauptlast in den derzeitigen Kriegen der US-Regierung trägt.

Es ist, als erwachen die Amerikaner in diesen Tagen und blicken mit neuen Augen auf das eigene Land. Sie erkennen, dass es sich die Vereinigten Staaten nicht leisten können, zugleich die Steuern zu senken, Krieg gegen den Terrorismus und im Irak zu führen, sowie die Infrastruktur zu Hause intakt zu halten oder gar auszubauen. Sie erkennen die wachsende Armut im eigenen Land: 37 Millionen US-Bürger gelten als arm - 17 Prozent mehr als unter Bill Clinton und 45 Millionen sind ohne Krankenversicherung. Mehr noch, die Amerikaner erkennen, dass selbst im 21. Jahrhundert die Hautfarbe über das Überleben entscheidet.

Fragen an den Präsidenten

Dies alles wirft Fragen auf, die Präsident George W. Bush und seine Republikaner beantworten müssen. Und die Fragen werden mehr. Und sie werden um so eindringlicher gestellt werden, je mehr verwesende Leichen das Wasser in New Orleans preisgibt.

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