26.03.2011 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Was wäre, wenn heute die WAA Wackersdorf stünde? - "Unsere Heimat wäre verwelkt": "Glücksfall" hätte kein Glück gebracht

Bis vor drei Wochen kannte den Namen Fukushima in unseren Breitengraden keiner. "Ich schon", sagt der Schwandorfer Ex-Landrat Hans Schuierer. Mehrfach war er in Japan, hielt Vorträge gegen die Kernkraft. Angesichts der Ereignisse blickt der 80-Jährige auf den gestoppten Bau einer atomaren Wiederaufarbeitungsanlage bei Wackersdorf zurück: "Nicht auszudenken für unsere Region, wenn sie stünde."

Besetzungsaktion von Greenpeace am 27. Oktober 1987 auf dem Baugelände der geplanten WAA in Wackersdorf: Schon damals propagierten die Umweltschützer die Nutzung der Solarenergie. Archivbild: Götz
von Autor HOUProfil

Die WAA Wackersdorf: Befürworter beschrieben sie als "chemische Fabrik", deren Risiken gleich null seien. Der seinerzeit amtierende Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) verstieg sich sogar dazu, das auf weit über 100 Hektar Fläche im Taxöldener Forst geplante Milliardenprojekt im Hinblick auf die Gefährlichkeit mit einer Fahrradspeichenfabrik zu vergleichen. Das nahm sich schon damals nicht nur für Kernkraftgegner abstrus aus.

"Monstrum verhindert"

Was hätte in der WAA gemacht werden sollen? Sie wäre zentrale Wiederaufarbeitungsstätte für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland und womöglich auch darüber hinaus geworden. Mit einer Plutoniumverarbeitung bis zu 5,7 Tonnen jährlich. Wissenschaftler legten dar, dass die Menge von einem Millionstel Gramm Plutonium bei Einatmung durch Menschen Lungenkrebs hervorrufen kann. Kam hinzu, dass in dieser WAA auch noch Uran hätte gewonnen werden sollen.

Der Widerstand formierte sich, als 1985 die Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) ihre Entscheidung für Wackersdorf bekanntgab. Einer, der sich daran sehr genau erinnert, ist Arthur Theisinger aus Teublitz. Der heute 50-Jährige war zusammen mit einigen anderen Veranstalter des von 100 000 Leuten besuchten "Anti-WAA-Festivals 1986" auf dem Burglengenfelder Lanzenanger. Vor nunmehr fast genau 25 Jahren traten dort Rio Reiser, Herbert Grönemeyer, die "Toten Hosen" und viele andere Prominente auf. "Ich bin stolz darauf, das Monstrum mit verhindert zu haben", sagt Theisinger aus der Distanz von einem Vierteljahrhundert. Und er fügt hinzu: "Unsere Heimat wäre nicht aufgeblüht, sie wäre verwelkt."
Das sahen seinerzeit viele anders. Es gab Kommunalparlamente, die von ihrem Recht auf Äußerung keinen Gebrauch machten. Eines dieser Ratsgremien argumentierte, Wackersdorf sei viel zu weit entfernt. Es waren genau zwölf Kilometer Luftlinie. Aus einer Stadt im nördlichen Landkreisbereich hieß es, da könne nun wirklich auch im Störfall nichts passieren. Denn immerhin stehe bei Wölsendorf ein Berg als Trennschild. Zu dieser Zeit lagen Pläne in den Schubladen, die sich im Falle eines "Super-GAU" mit Evakuierungsmaßnahmen weit über Bayerns Grenzen hinaus befassten.

Am 4. März 1987 erklärte die Regierung der Oberpfalz die Baugenehmigung für das sogenannte Brennelemente-Eingangslager mit meterdicken Betonwänden für sofort vollziehbar. Einer, der sich damals dagegenstemmte, war Landrat Hans Schuierer (SPD). Durch seinen Widerstand wurde er zu einer Art Galionsfigur der Kernkraftgegner, trat auch in Japan als Referent auf. Von diesen Reisen weiß der heute 80-Jährige: "Die Bevölkerung dort stand fest zur Kernenergie. Nur die Intellektuellen lehnten sie ab."

Zufrieden, wie es ist

Was wäre denn, wenn die atomare Anlage heute stünde? "Nicht auszudenken für unsere Region", ist Schuierer überzeugt. "Unabhängig von der ständig bestehenden Gefahr hätte es keinerlei Betriebsansiedlungen mehr gegeben, wäre der Tourismus zum Erliegen gekommen." Spätestens jetzt, nach den Ereignissen in Japan, "muss doch nun auch der letzte Befürworter gemerkt haben, dass diese WAA für uns kein Glücksfall gewesen wäre".

Einer, der sich immer zur Kernenergie als Teil der Stromversorgung bekannte und dies auch jetzt noch tut, ist der Nabburger Abgeordnete Otto Zeitler (CSU). Er sagt heute: "Kernenergie ist zum politischen Thema geworden. Es scheint nicht möglich zu sein, sie in unserer Gesellschaft wertfrei zu diskutieren." Zeitler erinnert an die damals im Raum Schwandorf herrschende Lage: "Tausende von Arbeitsplätzen waren durch Schließungen von Werken wie der Maxhütte und der BBI Wackersdorf verloren gegangen. Und dann bekamen wir die Chance, durch die WAA 3600 Arbeitsplätze zu erhalten."
Und jetzt? "Ich bin zufrieden mit dem, wie es ist", sagt Zeitler und ergänzt, dass es nach dem Ende der WAA gelungen sei, im Taxöldener Forst einen Industriepark anzusiedeln. Mit seinem Zutun, wie er unterstreicht. Eines gibt der Abgeordnete angesichts der momentanen Situation zu bedenken: "Wir können nicht sofort aus der Kernenergie aussteigen." Das werde wohl Schritt für Schritt vollzogen werden müssen. Zum Beispiel mit großen Windkraftparks an der Ostsee. Doch da sieht Zeitler ein Problem: "Wenn dann zur Beförderung der Energie lange Leitungen verlegt werden müssen, wird es erneut Widerstand geben."

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