Wie syrische Flüchtlinge im niederbayerischen Rattiszell aufgenommen werden
Vom Bürgerkrieg ins Bauerndorf

"Kommen Sie, kommen Sie", ruft Hisham Al-Halabi, wenn Neugierige ans Gartentor treten und grüßen. Noch hatten der 14-Jährige und seine Familie nicht viel Besuch. Vor drei Monaten erst sind die Al-Halabis über das Meer von Nordafrika nach Deutschland geflohen. Sie kamen aus Syrien über Ägypten nach Niederbayern - als Asylbewerber. Seit Juni leben sie im kleinen Bauerndorf Rattiszell.

Die Rattiszeller haben kaum Erfahrung mit Flüchtlingen. Die ersten, die hier lebten, sind inzwischen als Flüchtlinge anerkannt und weggezogen. Sie stammten auch aus Syrien. Aber: Sie waren Christen. Anders als Mohammad, Lama und ihre drei Kinder Hisham, Sidra (11) und Sama (6). Die Frau der ersten Familie, erzählt Bürgermeister Manfred Reiner von den Freien Wählern, sei in die katholische Messe gegangen. Fast 90 Prozent der rund 1500 Dorfbewohner sind römisch-katholisch. Hishams Mutter trägt Kopftuch. "Das Vorurteil gegenüber den Muslimen müssen wir jetzt eben abbauen", sagt Reiner.

Viel zu kurzfristig

Der Strom von Flüchtlingen wächst. Ende Juli lebten in Niederbayern 1515 Asylbewerber in dezentralen Unterkünften. Die kleinste im Kreis Straubing-Bogen ist ein Einfamilienhaus in Rattiszell. Früher wohnte hier Stabsfeldwebel a.D. Alois Schmitt. Ein beliebter Mann. Nach seinem Tod vermietete die Tochter das Haus im Winter 2012 ans Landratsamt - für Asylbewerber. Nicht alle fanden das gut. Der Bürgermeister sagt: Weder Bezirk noch Landratsamt hätten konkrete Informationen gegeben. Die niederbayerische Bezirksregierung bat im Februar um Verständnis für die kurzen Fristen.

Hisham lernt inzwischen eifrig Deutsch. Für seine Eltern ist das schwieriger. Viele im Dorf sprechen nur Bairisch. Arabisch jedenfalls spricht niemand. Auch Jeannette Winter-Thaler nicht. Die Nachbarin ist die engste Bezugsperson der Al-Halabis. Die 43-Jährige fährt Mohammad und Lama zum Deutschkurs ins 20 Minuten entfernte Bogen. Grünen-Kreisrätin Anita Karl leitet den Kurs ehrenamtlich. Es ist der einzige in der Nähe, sagt sie. Bayern fördert zwar als bisher einziges Bundesland Sprachkurse für Asylbewerber, die während ihres Verfahrens keinen rechtlichen Anspruch darauf haben. "Aber davon kommt hier in der Fläche fast nichts an", klagt Karl.

Über die Erlebnisse der Familie in Syrien weiß hier niemand etwas. Aber Nabil, der Mann von Mohammads Nichte Walaa, erzählt auf Deutsch: "Mein Haus - bumm - Bombe, Feuer. Meine Arbeitsstelle - auch Feuer." Die Kinder hätten die Bomben gehört. "Danke an Allah, dass wir jetzt hier sind." Er und Mohammad flohen mit Frau und Kindern per Schiff. Rattiszell sei "sehr schön, alles gut", sagt Mohammad. Nur Arbeit fehlt. In Deutschland dürfen Asylsuchende erst nach neun Monaten einen Job annehmen. Und nur, wenn kein Deutscher ihn will.

Fremdeln abbauen

Die Chefin im Ausländeramt, Stephanie Aumer, ist "dankbar", dass sich Nachbarn kümmern. Im Dorf überlegt der Bürgermeister, ob eine Wanderung mit Eltern aus dem Ort und den Neuen das Fremdeln abbauen könnte. Hisham wird bis dahin zu allen Gästen am Gartentor wieder sagen: "Kommen Sie, kommen Sie!"
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