24.02.2004 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Wie Tschechen ihre deutschen Nachbarn sehen "Laut und frech"

von Uli Piehler Kontakt Profil

"Die Deutschen sind laut, frech und sie sind überall" - die Tschechen haben nicht unbedingt das beste Bild von ihren Nachbarn. "Es ist nicht gerade schmeichelhaft, was die Tschechen über die Deutschen denken", sagt Carsten Lenk vom deutsch-tschechischen Koodrinierungszentrum für Jugendaustausch "Tandem" in Regensburg. Lenk hat in einer Studie das Deutschlandbild der Tschechen und umgekehrt das Tschechenbild der Deutschen unter die Lupe genommen und kommt zu einem einfachen Schluss: "Keines von beiden gibt die Realität wider."

"Es gibt nicht die typisch tschechische Kultur oder die typisch deutsche, sondern nur die Vorstellung davon", sagt er. Kultur sei kein "gleichförmiger Block", sondern ein komplexes System - beeinflusst vom Lebensraum, dem Beruf oder dem Alter der Menschen. Bayern und Böhmen hätten beispielsweise bei den Ess- und Trinkgewohnheiten mehr gemeinsam als Bayern und Norddeutsche. Auch die Musikkultur verbinde Menschen über Grenzen hinweg: Robbie Williams sei bei den Jugendlichen in Tschechien genauso beliebt wie hier zu Lande.

Sprache großes Hindernis

Trotz solcher Ähnlichkeiten stehe zwischen beiden Nationen aber nach wie vor eine schier unüberwindbar scheinende Hürde: die Sprache und im weiteren Sinne die Kommunikation. "Tschechen gehen personenbezogener miteinander um", erklärt Lenk. "Deutsche reden lieber über die Sache als über die beteiligten Akteure." Wenn die Deutschen die Dinge beim Namen nennen, kann das in Tschechien bisweilen als unhöflich gelten. Beispiel: Auf die Frage des deutschen Geschäftspartners "Werden Sie das für mich machen?", wird in Tschechien kaum jemand ein schroffes "Nein" erwidern. Wahrscheinlicher ist die Antwort: "Ich werde es versuchen." Was lernen wir daraus? Carsten Lenk: "Deutsche sollten sensibel für Zwischentöne werden und Tschechen mehr Klartext reden."

Respektvolle Anreden

Auch in kleineren formalen Dingen gebe es Unterschiede zwischen Deutschen und Tschechen. Zum Beispiel beim Gebrauch von Anreden. "Titel und Status spielen in Böhmen immer noch eine große Rolle", weiß Lenk. Anreden wie "Herr Magister" oder "Herr Ingenieur" seien Gang und Gäbe, ebenso die Unterscheidung zwischen "Frau" und "Fräulein". "Da spürt man noch die Tradition der k.-und-k.-Monarchie." In der sozialistischen Tschechoslowakei sie die Welle des "Du" ausgeblieben, wie sie in den 70er Jahren über Deutschland hinwegschwappte. Die Schulkinder in Tschechien sprächen den Lehrer immer noch mit "Herr Lehrer" an und den Fußballtrainer respektvoll mit "Herr Trainer". Bei einem Workshop mit Deutschen und Tschechen zu dem Thema sei die wesentliche Erkenntnis gewesen, dass sich die Kommunikationsstandards immer mehr annähern, erklärt Lenk. Und dass es wichtig sei, mit den Tschechen zu reden, statt über sie. "In jedem Fall tun Deutsche und Tschechen gut daran, dem Gegenüber mit Respekt zu begegnen und Gesprächssituationen sensibel zu reflektieren."

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