06.10.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Zusammenspiel von Landwirtschaft und Hochtechnologie: Bauern wollen "E85"-Sprit anbieten Aufstand der Treibstoff-Zwerge

Die Kemnather Bauern proben den Zwergenaufstand. Von Automobilriesen und Ölkonzernen belächelt, wollen sie in Eigenregie Ethanol-Treibstoff produzieren und diesen auch an Tankstellen abgeben. Die Aussichten sind nicht schlecht. Wenn alles klappt, könnten die Treibstoff-Zwerge von Kemnath schon im nächsten Jahr ganz groß rauskommen.

von Uli Piehler Kontakt Profil

Dominantestes Gebäude in Kemnath am Buchberg ist die Schnapsbrennerei, zu deren Betrieb sich die 14 Landwirte zusammengeschlossen haben. Seit mehr als 35 Jahren gewinnen sie aus der Kartoffelvergärung 86-prozentiges Rohethanol und sichern sich damit ein zusätzliches Einkommen. Die nächsten fünf Jahre wird dieses Standbein noch herhalten. Wenn das Branntweinmonopol 2010 fällt, fallen auch die Subventionen weg. Die Anlage müsste geschlossen werden.

Geschlossener Kreislauf

"Wir könnten in Kemnath genauso gut 99-prozentigen Alkohol herstellen", sagt Brennereigenosse Ulrich Hausmann und öffnet damit die Tür für die Zukunft. Denn der veredelte Alkohol ist die Hauptzutat für den Treibstoff "E85", mit dem in Südamerika und Skandinavien bereits hunderttausende Autos unterwegs sind. Das reine Ethanol muss dann nur noch ungenießbar gemacht werden - durch die Beimischung von 15 Prozent Superbenzin. Der Clou: Bei einem entsprechenden Umbau könnte die Schnapsbrennerei aus heimischer Biomasse Treibstoff herstellen und diesen vor Ort an heimische Autofahrer abgeben. Eine ganze Reihe von Hürden sind bis dahin zu überwinden. Die höchste hat die Brennereigenossenschaft mit "Know-How" aus der Region bereits genommen. Das Sulzbach-Rosenberger ATZ-Entwicklungszentrum hat maßgeschneidert für die Brennerei in Kemnath ein Verfahren entwickelt, mit dem es möglich ist, reinen Alkohol auch aus minderwertiger Biomasse zu gewinnen. Bisher mussten die Vergärungsanlage mit relativ teuren Rohstoffen, wie Kartoffeln oder Rüben, gefüttert werden. Künftig eignen sich dafür auch Gräser. Damit ist klar: Die Anlage in Kemnath kann wirtschaftlich betrieben werden.

Der ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete und heutige ATZ-Kuratoriumsvorsitzende Herrmann Fellner ist Feuer und Flamme für das Projekt. "Was uns hier gelingt, ist deutschlandweit einmalig", sagt er. Die Kooperation zwischen den Landwirten und der Forschungseinrichtung vor Ort sei ein Musterbeispiel für Technologietransfer in der Region und die Anlage selbst - wenn sie denn einmal läuft - ein Vorzeigeobjekt für dezentrale Energiegewinnung.

Tankstelle im Visier

Die Zeichen stehen gut. "Möglicherweise können wir in der Anfangsphase die alte Tankstelle des städtischen Bauhofes in Amberg nutzen", sagt Ulrich Hausmann. Die Genehmigungsbehörden prüfen gerade, ob und unter welchen Bedingungen die Brennereigenossenschaft ihr Ethanol nach Amberg liefern und dort weiterverkaufen darf. Eine wichtige Rolle spielen natürlich die Investitionskosten. Die beteiligten Landwirte entscheiden letztendlich erst über das Vorhaben, wenn alles genau durchgerechnet ist, betont Genossenschaftsvorsitzender Hans Reng. Die Umrüstung der Schnapsbrennerei ist auf rund 400 000 Euro veranschlagt. Hinzu kommen die Kosten für den Bau der Benzin-Mischanlage und der Tankstellen.

Über kurz oder lang soll es auch in Kemnath, direkt vor der Brennerei, eine Zapfsäule für "E85" geben. "Was wir jetzt brauchen, sind Autofahrer, die auf den Treibstoff umsteigen wollen und Händler, die entsprechende Fahrzeuge anbieten", sagt Hausmann. Um Interessenten zu finden, gibt er

sogar seine Handynummer bekannt: Tel. 0170/ 9607640.

Weitere Informationen im Internet:

oberpfalznetz.de; Netzcode: 50776981

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